Die erworbenen, selbstverdienten Freunde zieht er den angebornen, den Magen, vor:

Mann, hochgemagt, an Freunden krank,
Das ist ein schwacher Habedank;
Baß hilfet Freundschaft ohne Sippe.
Laß Einen seyn geborn von Königes Rippe,
Er habe denn Freunde, was hilfet das?
Magschaft ist selbstgewachs'ne Ehre,
So muß man Freunde verdienen sehre.
Mag' hilfet wohl, Freund vieles baß.
(I 126b)

hochgemagt, der hohe Magen, Blutsverwandte, hat. krank, schwach, arm. Habedank, Entgelt, Ersatz. So, den Gegensatz bezeichnend. verdienen, durch Dienst, mühsam erwerben.

Den wahren Werth des Mannes begründen ihm drei Eigenschaften: Kühnheit, Milde, besonders aber Treue. An Weibes Lobe, meint er, stehet wohl, daß man sie schön heiße. Manne stehet es übel, es ist zu weich und oft zum Hohne. Kühn und mild und daß er dazu stete sey, so ist er viel gar gelobt. Ihr müsset in die Leute sehen, wollt ihr sie erkennen; Niemand soll aussen nach der Farbe loben (I 134a). Gewissen Freund, versuchtes Schwerdt, soll man zu Nöthen sehen (I 131b)[31].

Ihm grauset, wenn ihn die Lächler anlachen, denen die Zunge honiget und das Herz Galle hat. Freundes Lächeln soll seyn ohne Missethat, lauter wie das Abendroth, das liebe Mähre kündet. Wes Mund mich trügen will, der habe sein Lachen hin! Von dem nähme ich ein wahres Nein für zwei gelogene Ja (I 131a).

Gott, der ein rechter Richter heißet in der Schrift, sollte das geruhen, daß er die Getreuen von den Falschen schiede; hienieden noch, denn jenseits werden sie wohl gesondert. Gerne sähe ich an ihrer Etlichem ein Schandenmal, der sich dem Manne windet aus der Hand, recht wie ein Aal. O weh! daß Gott nicht zorniglich an denen wundert! Wer mit mir fährt von Hause, der fahr' auch mit mir heim! Des Mannes Muth soll fest seyn, als ein Stein, an Treue grad und eben, wie der Stab am Pfeile (W. Hds. S. 151).

So streng der Dichter hier und anderwärts gegen Alles eifert, was er für schlecht erkannt hat, so scharf er auch zu spotten versteht, so erscheint dennoch sein Innerstes ungemein weich und milde. In sittlicher Beziehung zeichnet ihn das Zartgefühl, ja die Aengstlichkeit aus, womit er vorzubeugen sucht, daß sein Straflied nicht mit dem Schuldigen zugleich den Unschuldigen verletze (z. B. I 107b 6, 120b 3). Er ist den Bösen versöhnlich, wenn sie sich bessern wollen (I 115b 4). Er duldet manche Unfuge, obwohl er sich rächen könnte (I 121b 2). Denen, die im Winter ihm Freude benommen, wünscht er doch, daß die Sommerzeit ihnen wohl bekommen möge. Er kann nicht fluchen, als das üble Wort: unselig! das wär' aber allzuviel (I 136b 3),

Seine gedrückte Lage, seine Abhängigkeit von der Gunst oder Ungunst Andrer, hat ihn eingeschüchtert und er lebt sein wahrstes Leben nur in der Einsamkeit und Heimlichkeit des Gemüths. Er hütet sich, daß nicht die Leute sein verdrieße, mit den Frohen ist er froh und lacht ungerne, wo man weinet (I 117a 1). Er ist unschädlich froh, daß man ihm wohl zu leben gönne. Heimlich steht sein Herze hoch (I 114a 3). Er scheut sich froh zu seyn, wenn es nicht Andre mit ihm sind, damit er nicht ihr Fingerzeigen leide (I 140a 1 v. u.) So verhehlt er auch sein Leid und stellt sich freudenreich (I 140b 2 v. u.); damit hat er oft sich selbst betrogen und um der Welt willen manche Freude erlogen, dieß Lügen war aber löblich (I 139b 2).

Seiner selbst mächtig zu seyn, gilt ihm für eine vorzügliche Tugend:

Wer schlägt den Löwen? wer schlägt den Riesen?
Wer überwindet jenen und diesen?
Das thut Jener, der sich selber zwinget.
(I 127a)