Nicht die bloße Freigebigkeit ist es, darum er die Fürsten in Anspruch nimmt, weit umfassender hat er den Kreis ihrer Pflichten erkannt:

Ihr Fürsten tugnet eure Sinne mit reiner Güte,
Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemüthe,
Stärket Recht, und danket Gott der großen Ehren,
Daß mancher Mensch seinen Leib, sein Gut muß euch zu Dienste
kehren!
Seyd milde, friedebar, laßt euch in Würde schauen!
So loben euch die reinen süßen Frauen.
Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen!
Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen!
Glaubt nicht, was euch die Lügenere sagen,
Und folget gutem Rathe, so möget ihr im Himmelreiche bauen!
(I 132b)

tugnet, machet tüchtig, veredlet. minnet, liebet; Minne ist Liebe in jeder Bedeutung. bauen, wohnen, dereinst Bürger des Himmelreichs werden.

Noch in andern Liedern warnt er die Fürsten vor falschem Rathe. Er will sie lehren, wie sie jeglichen Rath wohl mögen erkennen. Der guten Räthe sind drei, drei böse stehen zur linken Hand dabei. Frommen, Gottes Huld und weltliche Ehre, das sind die guten. Wohl ihm, der diese lehret! den möchte ein Kaiser nehmen an seinen höchsten Rath. Die drei bösen heißen: Schade, Sünde und Schande (I 105b).

Besonders wird Derjenige, wes Standes er sey, für einen Schalk erklärt, der seinen Herren lehre, zu lügen oder das Angelobte nachher zu versagen, und der so die Biedern schamlos mache:

Erlahmen müssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege!
Sey aber er so hehr, daß er dazu sitze,
So wünsche ich, daß sein' ungetreue Zunge müsse erlahmen.
(I 130b)

Die Herren selbst, welche so durch glänzende Versprechungen täuschen, vergleicht Walther den Gaucklern, die unter dem Hute jetzt einen wilden Falken, jetzt einen stolzen Pfau, jetzt gar ein Meerwunder vorweisen, am Ende aber ist es weiter nichts, als eine Krähe. Wär' ich dir stark genug, ruft er solchem Gauckler zu, ich schlüge dir die falsche Gauckelbüchse an dein Haupt (I 132b).

Der Umgang mit den Mächtigen hat das Urtheil des Dichters über die wahren Vorzüge der Menschen keineswegs getrübt. Er sucht diese nicht in der Geburt. Kräftig spricht er sich über den Ursprung aller Sterblichen aus gleichem Lehm und über ihre Gleichheit vor dem höchsten Herren aus:

Wer ohne Furcht, o Herr Gott!
Will sprechen deine zehn Gebot',
Und brichet die, das ist nicht wahre Minne.
Dich heisset Vater Mancher viel,
Der mich zum Bruder doch nicht will;
Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne.
Wir wachsen all' aus gleichem Dinge,
Speise frommet uns, sie wird ringe,
So sie durch den Mund hin fährt.
Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden,
Der ihr Gebeine bloßes fünde,
(Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,)
So Gewürme das Fleisch verzehrt?
Ihm dienen Christen, Juden und Heiden,
Der alle lebende Wunder nährt.
(I 128b)

Der Teufel, wenn er sichtbar daher käme, sagt Walther ein andermal, wäre mir nicht so verwünscht, als des Bösen böser Sohn. Von der Geburt kommt uns weder Frommen noch Ehre (I 129a).