Von Thüringen Fürsten Hermann!
Etlich dein Ingesinde ich maß,
Das Ausgesinde hiesse baß.
Dir wär' auch eines Kaien noth,
Seit wahre Milde dir gebot
So manigfalten Anehang,
Hier ein schmählich Gedrang
Und dort ein werthes Dringen.
Drum muß Herr Walther singen:
»Guten Tag, Böse und Gut!«
Wo man solchen Sang nun thut,
Des sind die Falschen geehret.
Kaie hatt's ihn nicht gelehret,
Noch Herr Heinrich von Rispach &c.
Kaie ist des Königs Artus strenger und mürrischer Seneschall, der solchem Unwesen, nach Eschenbachs Ausdruck, schärfer war, denn der Biene Stachel. Gedrang, Gedränge, Zudrang. Die Falschen, die Schlechten. Heinrich von Rispach, vielleicht der tugendhafte Schreiber, der im Wartburger Kriege auftritt und dessen Gedichte Man. II 101 ff. aufbewahrt sind, der Henricus Notarius, H. Scriptor, welcher in thüringischen Urkunden von 1208-1228 vorkömmt. Mus. I 173.
Ein wunderlicher Mann, mit Namen Gerhard Atze, scheint der freudigen Gesellschaft am thüringischen Hofe zur Zielscheibe ihres Witzes gedient zu haben. Ihm hat Walther zwei Gedichte gewidmet. Das eine (I 105a) ist durch persönliche Anspielung räthselhaft. Das andre (I 113a) betrifft einen scherzhaften Rechtsstreit. Der merkwürdige Fall ist dieser: Herr Gerhard Atze hat dem Dichter zu Eisenach ein Pferd erschossen. Walther klagt auf Entschädigung: das Pferd war wohl dreier Marke werth. Gerhard Atze weicht aber damit aus, daß er behauptet: das getödtete Pferd sey dem Rosse blutsverwandt, das einst ihm, dem Beklagten, den Finger zu Schande gebissen. Dagegen erbietet sich Walther, mit beiden Händen zu beschwören, daß die Pferde einander nicht befreundet waren, und er ruft auf, wer ihm staben, d. h. den Eid abnehmen wolle?
Ein Kampfgenosse des Landgrafen Hermann in dessen Fehde mit König Philipp war der Graf von Katzenellenbogen, Wilhelm II., zugenannt der Reiche[27]. Derselbe mag es seyn, von dem unser Dichter singt. Walther ist dem Bogener hold, ganz ohne Gabe und ohne Sold (I 127a). Doch der Graf versteht, er beschenkt den Sänger mit einem Diamant. Dafür preist ihn dieser als der schönsten Ritter einen. Nicht nach dem Scheine lobt er die Schönheit; milder Mann ist schön und wohlgezogen, man soll die innre Tugend nach aussen kehren, dann ist das äussre Lob nach Ehren, wie des von Katzenellenbogen. (Ebd.)
So wird gewöhnlich der Fürst, dem der Dichter sich nähern will, zuerst mit einem Liede ausgeforscht. Ist der Erfolg entsprechend, dann ertönt auch das vollere Lob.
Von einer großen, zarter oder unzarter sich äussernden Begehrlichkeit können die Hofsänger damaliger Zeit nicht freigesprochen werden. Sie versäumen keinen Anlaß, sich zu milder Gabe zu empfehlen. Ihre zahlreichen Lobgedichte sind überall darauf berechnet. Die Milde d. h. die Freigebigkeit, ist ihnen der Fürsten erste Tugend[28]. Wo ihnen nicht willfahrt wird, machen sie ihr Lied zur Waffe des Tadels und des Spottes. Sie werfen dem unmilden Herrn einen Stein in den Garten und eine Klette in den Bart[29].
Noch ziemlich gelinde scherzt der Unsrige über die unwirthliche Aufnahme, die er in der bairischen Abtei Tegernsee gefunden. Es war ihm viel von dieses Hauses Ehre gesagt worden. Deshalb ritt er einst, um dahin zu kommen, mehr denn eine Meile abseits der Straße. Aber vergeblich war seine Hoffnung auf einen guten Klostertrunk:
Ich nahm da Wasser,
Also nasser
Mußt' ich von des Mönches Tische scheiden.
(I 113a)
Geld, Auslösung der für Zehrung versetzten Pfänder, Pferde, Kleider, waren der Lohn, der den Sängern von ihren Gönnern zu Theil wurde. Walther sagt von einer schönen Frau, sie habe ein werthes Kleid angezogen: ihren reinen Leib. Sie sey ein wohlgekleidet Weib. Getragene Kleider hab' er nie genommen[30], dieses nähm' er für sein Leben gerne. Der Kaiser würde dieser Frau Spielmann um so reiche Gabe (I 121b).
Wenn übrigens auch unser Dichter in diesem Werben um Gunst und Gabe der Fürsten dem Gebrauche der Zeit und dem äussern Bedürfnisse gefolgt ist, so muß doch auf der andern Seite anerkannt werden, nicht bloß daß er jene Tugend der Milde auf wahrhaft dichterische Weise gepriesen, sondern auch, daß er darüber das Höhere nicht aus den Augen gesetzt, vielmehr mitten im Getrieb der Höfe sich einen freien Blick und einen würdigen Sinn erhalten. Es erscheint angemessen, jetzt auch diese edlere Seite herauszuheben.