Auch in dem Leben und den Liedern unsres Dichters spielt er eine bedeutende Rolle. Vor 1198 fanden wir diesen in Oesterreich. Alsdann folgen seine Lieder auf Philipp von Schwaben und es ist nicht anzunehmen, daß er sich an dem Hofe des Landgrafen werde aufgehalten haben, so lange dieser Philipps Gegner war. Im Sommer des Jahres 1204 unterwarf sich der Landgraf. Es ist daher ganz nicht unwahrscheinlich, daß Walthers Aufenthalt an dessen Hofe um das Jahr 1207 stattgefunden, in welches der Krieg auf Wartburg, worin Walther auftritt, von den thüringischen Chroniken gesetzt wird.

Dieser Wettstreit, den das vielbesprochene Gedicht in der Manessischen Sammlung (II 1-16) in Wechselgesang, mit untermengter Erzählung, darstellt, hat zunächst das Lob milder Fürsten zum Gegenstand. Heinrich von Ofterdingen erhebt den Herzog von Oesterreich, ihm treten Wolfram von Eschenbach und Andre entgegen, die den Landgrafen von Thüringen verherrlichen. Walther von der Vogelweide zeigt sich anfangs ungehalten auf Oesterreich und giebt dem König von Frankreich vor allen Fürsten den Preis. Nachher bereut er, daß er sich von dem Oesterreicher losgesagt, den er jetzt der Sonne vergleicht; allein über die Sonne noch stellt er den Tag: Hermann von Thüringen. Von sich selbst meldet er, wie er zu Paris gute Schule gefunden, zu Konstantinopel, zu Baldach, zu Babylon Kunst und Weisheit erlernt habe. Hieraus ist wenigsten ersichtlich, daß Walther dem Verfasser des Gedichts für einen weitgereisten und in die Tiefen der Kunst eingeweihten Meister gegolten habe. Das Gedicht, so wie es vorliegt, hat aber wohl nicht den Wolfram von Eschenbach, dem man es zugeschrieben, sondern einen spätern mainzischen Meister zum Verfasser, wenn gleich Ueberlieferung und ältere Lieder zu Grunde liegen.

Wenden wir uns zu Walthers eigenen Aeusserungen über sein Verhältniß zu dem Hofe von Thüringen, so ist dasjenige seiner Lieder zuerst auszuheben, mit welchem er sich dem Landgrafen erst zu nähern scheint. Er fordert Jeden auf, der an des edeln Landgrafen Rathe sey, Dienstmann oder Freier, den jungen Fürsten um Eines zu mahnen und zwar so, daß er, der Dicher, den Erfolg davon spüre. Drei Tugenden werden an dem Landgrafen gerühmt: er sey milde, stet und wohlgezogen. Aber eine vierte noch würde ihm wohl anstehen, die nemlich: daß er nicht säumig sey (I 106a). Der Dichter mochte damit den Wunsch ausdrücken, baldmöglich von dem Landgrafen beschenkt oder in dessen Dienst aufgenommen zu werden.

In einem weitern Liede (I 133b) finden wir ihn dieses Wunsches gewährt. Er freuet sich, des milden Landgrafen Ingesinde zu seyn. Es ist seine Sitte, daß man ihn immer bei den Theuresten finde. Die andern Fürsten alle sind anfangs milde, aber sie bleiben es nicht so stetiglich. Der Landgraf war es ehe und ist es noch, darum kann er besser, denn sie, der Milde pflegen. Das Lied schließt mit den schönen Worten:

Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre böse, als eh',
Des Lob grünet und salbet, wie der Klee.
Der Thüringer Blume scheinet durch den Schnee,
Sommer und Winter blühet sein Lob, wie in den ersten
Jahren[25].

schallet, pochet, pranget. hin zu Jahre, über's Jahr. als eh', wie vorher.

Wünschenswerth allerdings mag das Leben an des Landgrafen Hofe gewesen seyn. Der Dichter giebt eine sehr anschauliche Schilderung von diesem Hofhalt, woraus zu entnehmen ist, daß man dort wenig von der schlimmen Zeit verspürte:

Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey,
Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thüringen frei;
Kommt er dahin, fürwahr er wird erthöret.
Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;
Eine Schaar fährt aus, die andre ein, so Nacht als Tag,
Groß Wunder ist, daß Jemand da noch höret.
Der Landgrafe ist so gemuth,
Daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut,
Der jeglicher viel wohl ein Kämpfe wäre.
Mir ist seine hohe Art wohl kund,
Und gälte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund,
Da stünde doch nimmer Ritters Becher leere.
(W. Hds. S. 170)

erthöret, betäubt. Kämpfe, Kämpe, ein Solcher, der besonders aufgestellt ist, eine Sache im Zweikampf auszufechten, also ein auserwählter, vorzüglicher Streiter.

Manch unnützen Gesellen mußte die Gastfreiheit dieses Hofes anziehen. Eschenbach rügt dieses in seinem Parcifal V. 8856 ff.[26], mit Beziehung auf ein nicht mehr vorhandenes Lied unsres Dichters: