Ich wollte Herrn Otten Milde nach der Länge messen,
Da hatt' ich mich an der Maße ein Theil vergessen,
Wär' er so mild, als lange, er hätte der Tugend viel
besessen.
Viel schiere maß ich ab den Leib nach seiner Ehre,
Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk,
Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg,
Und ist doch von den Jahren, daß er nicht wachset mehre.
Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß!
Sein junger Leib ward beides: stark und groß.
Nun seht, was er noch wachse erst jetzo über ihn wohl
riesengroß! (I 130a)

schiere, bald, schleunig. verschroten, verhauen. Werk, irgend eine Kunstarbeit, eine Waffe &c.

Dießmal aber ist es dem Dichter nicht um bloße Hofgunst, nicht um ein Geschenk an Geld oder Kleidern zu thun. Er ist des irren Lebens müde, ein Heimwesen soll ihm die Huld des Königs begründen. Lange genug ist er Gast gewesen, er sehnt sich darnach, Wirth zu heißen. Ein Reichslehen, wie wir bald sehen werden, ist es, worauf er abzielt:

Seyd willekommen, Herre Wirth! dem Grusse muß ich
schweigen.
Seyd willekommen, Herre Gast! da muß ich sprechen oder
neigen.
Wirth und heim sind zween unschämeliche Namen.
Gast und Herberge muß man sich viel ofte schamen.
Noch müsse ich erleben, daß ich den Gast auch grüsse,
So daß er mir, dem Wirthe, danken müsse!
Seyd heutnacht hie, seyd morgen dort! was Gauckelfuhre
ist das!
Ich bin heim oder ich will heim, das tröstet baß.
Gast und Schach kommt selten ohne Haß:
Herre! büsset mir des Gastes, daß euch Gott des Schaches
büsse. (I 131b)

Wirth, Hausherr, Bewirther. da muß ich sprechen &c., auf solchen Gruß muß ich antworten oder mich dankend verneigen. unschämeliche, deren man sich nicht zu schämen hat. schamen, schämen. Gauckelfuhre, Gauckelwesen, Gauckelei. Schach, das Schachbieten. Das Gegenüberstehn der beiden Könige, Friedrich und Otto, wird dem Schachspiele (worauf Walther auch sonst anspielt, I 137a 138b) verglichen. Der Dichter wünscht dem Erstern, daß ihn der Letztere nicht in Schach setze. kommt selten ohne Haß, wird selten gerne gehört. büsset mir &c., erlöset mich &c.

Noch dringender spricht der Dichter sein Anliegen mit Folgendem aus:

Von Rome Vogt, von Pulle König! laßt euch erbarmen,
Daß man bei reicher Kunst mich lässet also armen![35]
Gerne wollte ich, möchte es seyn, bei eigenem Feuer
erwarmen.
Ahi! wie ich dann sänge von den Vögeleinen,
Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang!
Welch schönes Weib mir gäbe dann ihr Habedank,
Der ließe ich Lilien und Rosen aus dem Wänglein scheinen.
Nun reite ich früh und komme nicht heim; Gast, weh dir,
weh!
So mag der Wirth wohl singen von dem grünen Klee.
Die Noth bedenket, milder König, daß eure Noth
zergeh'! (I 131a)

Von Rome Vogt, häufig vorkommende Benennung der römischen Kaiser oder Könige. Pulle, Apulien, das jetzige Königreich Neapel. Heide, Aue.

Die Lieder rühren des Königes Herz. Der Wunsch ist erfüllt. Hören wir des Dichters Freude!

Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen!
Nun fürchte ich nicht den Hornung an die Zehen
Und will alle böse Herren desto minder flehen.
Der edle König, der milde König, hat mich berathen,
Daß ich den Sommer möge Luft, den Winter Hitze han.
Nun dünke ich meinen Nachbarn vieles daß gethan
Sie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sie
weiland thaten.
Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,
Ich war so voller Scheltens, daß mein Athem stank,
Den hat der König gemachet rein und dazu meinen Sang.
(I 150b)