Walther von der Vogelweide



Erster Abschnitt.
Einleitung. Des Dichters Herkunft. Die Sänger
des Thurgaus. Friedrich von Oesterreich.
Des Dichters Jugend.


Walther von der Vogelweide ist einer von den Meistern deutschen Gesangs, die einst, wie die Sage meldet, auf der Wartburg wettgesungen. Ebenso ist er Einer der Zwölfe, von denen spät noch die Singschule gefabelt, daß sie in den Tagen Otto's des Großen gleichzeitig und doch Keiner vom Andern wissend, gleichsam durch göttliche Schickung, die edle Singkunst erfunden und gestiftet haben.

Wenn Einige, die auf ähnliche Weise mit ihm genannt werden, im Halbdunkel solcher Ueberlieferung zurückgeblieben sind und höchstens durch Vermuthung mit noch vorhandenen Dichterwerken in Verbindung gesetzt werden können, so ist dagegen kaum einer von den Dichtern des Mittelalters so mit seinem eigensten Leben in unsre Zeit herüber getreten, als eben dieser Walther von der Vogelweide.

Nicht als ob die Geschichte seinen Wandel auf Erden in ihre Jahrbücher aufgenommen hätte oder als ob alte Urkunden von seinen Handlungen Zeugniß gäben, wie dieß bei andern seiner Kunstgenossen der Fall ist: seine zahlreichen Lieder sind es, die sein Andenken, und mehr als dieß, ein klares Bild seines äußern und innern Lebens, auf uns gebracht haben.

Er hat nicht seine Persönlichkeit in der alten Heldensage des deutschen Volkes untergehen lassen, noch hat er seine Kunst den Ritter- und Zaubermähren vom heiligen Gral, von der Tafelrunde u. s. w. zugewendet, sondern er hat die Gegenwart ergriffen. Und hiebei hat er wieder nicht blos den Mai und die Minne gesungen, vielmehr ist er gerade der vielseitigste und umfassendste unsrer älteren Liederdichter, er behandelt die verschiedensten Richtungen und Zustände der menschlichen Seele, er betrachtet die Welt, er spiegelt in seinem besondern Leben das öffentliche, er knüpft seine eigenen Schicksale, wenn auch in sehr untergeordnetem Verhältniß, an die wichtigsten Personen und Ereignisse seiner Zeit.

Diese Zeit war eine bedeutende, vielfach und stürmisch bewegte. Die Verwirrung des Reichs nach dem Tode Heinrichs VI., der verderbliche Streit der Gegenkönige Philipp und Otto, Friedrichs II. heranwachsende Größe, dessen Kämpfe gegen die päbstliche Allmacht, der Kreuzzüge wogendes Gedräng!