Unscheinbar allerdings ist das Auftreten unsres Dichters auf der Bühne dieser Weltbegebenheiten. Schon darüber könnten wir verlegen seyn, wie wir ihn zuerst in die Welt einführen, denn sein Ursprung ist bis jetzt nicht mit Sicherheit erhoben.

Im obern Thurgau stand, nach Stumpf's Schweizerchronik, ein altes Schloß: Vogelweide. Im benachbarten Sankt Gallen hat das patrizische Geschlecht der Vogelweider geblüht. Mit diesem Geschlecht und jenem Schlosse wird Walther von der Vogelweide in Beziehung gesetzt[1].

In keinem deutschen Lande finden wir auch die ritterlichen Sänger so gedrängt beisammen, als in jenen nachbarlichen Gebirgsthälern, die von der Thur, der Sitter, der Steinach durchrauscht werden, und dort, wo der Rhein dem Bodensee zueilt. Der Truchseß von Singenberg, der Schenk Kunrad von Landegg, Göli, Graf Kraft von Toggenburg, Heinrich und Eberhard von Sar, Friedrich von Husen, Kunrad von Altstetten, Walther von Klingen, Heinrich von Frauenberg, Wernher von Tüfen, Heinrich von Rugge, der von Wengen, der Hardegger, der Taler, Rudolf von Ems u. A. m., von denen allen noch Lieder vorhanden sind, gehören theils mit Gewißheit, theils mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, jener Gegend an[2].

Mitten in jenen sangreichen Gauen lag das Stift Sankt Gallen, von dem der Anbau der Gegend und die Bildung ihrer Bewohner ausgegangen. Die dortigen Klosterbrüder waren im 9. und 10. Jahrhundert gepriesene Tonkünstler. Ihre geistlichen Lieder, wozu sie selbst die Singweise setzten, giengen in den allgemeinen Kirchengesang über. Eben so frühe wurde zu St. Gallen in deutscher Sprache gedichtet, und hinwieder das deutsche Heldenlied (Walther und Hiltegund) in lateinische Verse übertragen. Namentlich aber waren diese Mönche beschäftigt, die Söhne des benachbarten Adels überhaupt sowohl, als insbesondre in der Tonkunst, zu unterrichten[3]. Und eben in diesen Verhältnissen mochten Keime liegen, welche nachher im ritterlichen Gesang zur Blüthe gekommen sind.

Der von Singenberg war des Abtes zu St. Gallen Truchseß, der von Landegg dessen Schenk, Göli (jedoch nur muthmaßlich) dessen Kämmerer, und also sehen wir diesen fürstlichen Abt von einem singenden Hofstaat umgeben. Auch die andern adelichen Geschlechter, aus denen zuvor eine Reihe von Minnesängern namhaft gemacht wurde, sind größtentheils als Lehens- und Dienstleute des Klosters bekannt[4]. Selbst das meldet Hugo von Trimberg in seinem Renner (um 1300), daß ein Abt von St. Gallen schöne Taglieder gesungen, d. h. Lieder, in welchen der Wächter verstohlene Minne warnt, daß sie nicht vom Tageslicht überrascht werde.

Unsern Dichter von da ausgehen zu lassen, wo der Gesang so heimisch war, wo vielleicht der eigentliche Quell der schwäbischen Liederkunst zu suchen ist, hat an sich etwas Gefälliges. Auch darf nicht unbeachtet bleiben, daß jener St. Gallische Truchseß von Singenberg sich besonders viel mit Walthern zu schaffen macht. Er rühmt denselben als Sangesmeister, betrauert dessen Tod, ahmt seine Lieder nach, und wir finden auf diese Weise im Thurgau wenigstens einen Widerhall von Walthers Gesange.

Gleichwohl bleibt der Ursprung des Dichters in jener Gegend noch immer zweifelhaft. Das vormalige Daseyn einer Burg Vogelweide scheint lediglich auf der Angabe der vorgenannten Chronik zu beruhen, und die Urkunden des Stiftes St. Gallen, welche nicht leicht einen Weiler, einen Thurm der Umgegend unberührt lassen, enthalten, so viel man bis jetzt weiß, keine Spur von dem fraglichen Stammschloß[5]. Das ausgestorbene St. Gallische Geschlecht der Vogelweider kömmt erst im 15. Jahrhundert unter denjenigen vor, welche als Gerichtsherrn den Junkertitel führen konnten, und es mag seinen Namen eher von einer Bedienung, als von einer Burg, entnommen haben[6]. Rühmliche Erwähnung des Dichters aber und vertraute Bekanntschaft mit seinen Liedern findet sich nicht blos beidem Truchseß von Singenberg, sondern auch bei andern gleichzeitigen und spätern Sängern, welche nicht dem Thurgau angehören.

Ein Meistergesang über die Stifter der Kunst nennt Walthern einen Landherrn aus Böhmen[7]. Anderwärts wird er dem sächsischen Adelsgeschlechte von der Heide beigezählt[8]. Beides ohne ersichtlichen Grund. Neuerlich ist seine Geburtsstätte in Würzburg gesucht worden, wo er begraben liegt und wo vormals ein Hof »zu der Vogelweide« genannt war[9]. Und nach Allem bleibt noch die Frage übrig: ob nicht der Name ein dichterisch angenommener oder umgewandelter sey? wovon man auch sonst in jener Zeit Beispiele findet.

Die Sprache von Walthers Gedichten leitet auf keine nähere Spur seiner Herkunft, da sie in der weit verbreiteten oberdeutschen Mundart verfaßt sind, in welcher die meisten Dichter des 13. Jahrhunderts gesungen haben.

Der Dichter selbst, dessen Ausspruch entscheiden würde, gedenkt nur einmal des Landes, wo er geboren ist, aber ohne es zu benennen. Er hat, als er in späteren Jahren dorthin zurückgekommen, Alles fremd gefunden, was ihm einst kundig war, wie eine Hand der andern, das Feld angebaut, den Wald verhauen und nur das Wasser noch fließend, wie es weiland floß. (Man. I 141b f.) Auch sonst ist in seinen Liedern nirgends eine Beziehung auf die Gegend des Thurgaus, ob er gleich von den Orten seines Aufenthalts und von seinen Wanderungen vielfältig Rechenschaft giebt. Die erste bestimmtere Ortsbezeichnung ist es, wenn er meldet: