Zu Oesterreich lernte ich singen und sagen.
(Ebd. I 132a)

Aus diesen Worten ist übrigens noch keineswegs zu schließen, daß er auch in Oesterreich geboren sey, eher das Gegentheil; denn sie bezeichnen gerade nur das Land seiner Bildung zur Kunst. In Oesterreich, wo die Kunst des Gesanges unter den Fürsten aus babenbergischem Stamme so schön gepflegt wurde, konnten die Lehrlinge derselben gute Schule finden. Auch Reinmar von Zweter, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts dichtete, berichtet von sich:

Von Rheine, so bin ich geboren,
In Oesterreiche erwachsen.
(Man. II 146b)

Nach allen Anzeigen war Walther von adelicher Abkunft. Mit dem Titel: Herr, dem Zeichen ritterbürtigen Standes, redet er selbst sich an, und so wird er auch von Zeitgenossen benannt. Spätere nennen ihn Ritter[10]. Daß er ein Reichslehen erhalten hat, werden wir nachher sehen.

Dem Bilde, welches sich in der Weingartner Handschrift vor seinen Liedern befindet, ist weder Helm noch Schild beigegeben. Nur das Schwerdt ist seitwärts angelehnt. In der Manessischen Handschrift sind Helm und Schild hinzugekommen; das Wappenzeichen auf beiden ist ein Falke oder andrer Jagdvogel im Käfig, also gänzlich verschieden von dem bei Stumpf abgezeichneten Wappen der Vogelweider, welches drei Sterne enthält.

Ansehnlich muß das adeliche Geschlecht des Dichters in keinem Falle gewesen seyn. Er sagt einmal: »Wie nieder ich sey, so bin ich doch der Werthen einer.« (Man. I 122b). Ueber seine Armuth klagt er öfters, und eben sie mag ihn bewogen haben, aus der Kunst des Gesanges, die von Andern aus freier Lust geübt ward, ein Gewerbe zu machen.

»Zu Oesterreich lernte ich singen und sagen.«

Mit diesen Worten des Dichters treten wir zuerst aus dem Gebiete der Fabel und der Vermuthung auf einen festeren Boden. Doch müssen wir häufig diesen wieder verlassen und uns darauf beschränken, einzelne sichere Punkte zu bezeichnen, welchen wir dann dasjenige, was den Stempel von Ort und Zeit weniger bestimmt an sich trägt, nach Wahrscheinlichkeit und nach Verwandtschaft der Gegenstände anreihen. Wo sich der Faden der Geschichte verliert, da giebt das innere Leben des Dichters Stoff genug, die Lücke auszufüllen.

Es lassen sich zweierlei Zeiträume bestimmt unterscheiden, in welchen der Dichter am Hof der Fürsten von Oesterreich aus babenbergischem Stamme gelebt hat. Er befand sich dort unter Friedrich, von den Spätern der Katholische genannt, der von 1193 bis 1198 am Herzogthume war, und kam dorthin zurück unter Leopold VII., dem Glorreichen, vor dem Jahre 1217.

Diese beiden Fürsten waren Söhne Leopolds VI., des Tugendreichen, Herzogs von Oesterreich und Steier, der zu Anfang des Jahres 1193 gestorben war. Friedrich, der ältere Sohn, ließ sich 1195 mit dem Kreuze zeichnen, reiste 1197 nach Palästina ab und starb 1198 auf der Kreuzfahrt[11].