Mit ihm muß dem Dichter Vieles zu Grabe gegangen seyn. In einem geraume Zeit nachher gedichteten Liede rechnet er den Anfang seines unsteten und mühseligen Lebens eben von dem Tode Friedrichs an. Lebendig genug schildert er in demselben Liede seine Trauer um den fürstlichen Gönner: »Da Friedrich aus Oesterreich also warb, daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb, da drückt ich meine Kraniche (Schnabelschuhe) tief in die Erde, da gieng ich schleichend, wie ein Pfau, das Haupt hängt' ich nieder bis auf meine Kniee.«

Zwar fällt in Walthers Zeit noch ein andrer Friedrich von Oesterreich, Friedrich der Streitbare, des Obigen Neffe, der 1230 seinem Vater, Leopold VII., nachfolgte und 1246 in der Ungarnschlacht an der Leitta umkam. Es sind aber hinreichende Gründe vorhanden, das angeführte Gedicht nicht auf den Neffen, sondern auf den Oheim, zu beziehen. Das Genesen an der Seele bei dem Ersterben des Leibes ist bezeichnend für den Tod auf der Kreuzfahrt, welchen der Dichter auch sonst für einen segenreichen erklärt. Und wenn wir auch annehmen wollten, daß Walther, der, wie sich zeigen wird, schon 1198 in sehr männlichem Geiste gedichtet, noch um 1246 gelebt und gesungen habe, so wird doch aus dem natürlichen Zusammenhange, worin jenes Lied späterhin erscheint, sich ergeben, daß solches in den ersteren Jahren der Regierung Kaiser Friedrichs II., also gar lange vor dem Tode Friedrichs des Streitbaren, entstanden sey.

Wenn uns gleich der Dichter, ausser dem Wenigen, was angeführt wurde, von den Schicksalen seiner früheren Lebenszeit keine bestimmtere Nachricht giebt, so ist uns doch, bevor wir ihm weiter folgen, ein verweilender Blick in seine Jugend gestattet. Er zeigt uns den Zeitraum, worein solche gefallen, im Widerscheine seiner späteren Lieder.

»Hievor war die Welt so schön!« ruft er klagend aus. Inniglich thut es ihm wehe, wenn er gedenkt, wie man weiland in der Welt gelebt. O weh! daß er nicht vergessen kann, wie recht froh die Leute waren. Soll das nimmermehr geschehen, so kränket ihn, daß er's je gesehen. Jetzt trauern selbst die Jungen, die doch vor Freude sollten in den Lüften schweben (I 129a 140b 114b).

Dieses unfrohe Wesen rügt er an mehreren Stellen. Es gilt ihm, wie andern Dichtern der Zeit, für ein sittliches Gebrechen, so wie umgekehrt die Freude für eine Tugend. »Niemand -- sagt er -- taugt ohne Freude.« (I 110b) Und allerdings ist es nicht selten die sittliche Beschaffenheit des Gemüths, hier des wohlgeordneten, dort des in sich zerfallenen, woraus Frohsinn oder Mißmuth entspringen.

Ob Walther, ausser dem Unterricht in der Kunst des Gesanges, irgend einer Art von gelehrter Bildung genossen, ist nicht ersichtlich. Einige Hinweisungen auf Stellen der Schrift und zwei lateinische Segenssprüche, die er scherzhaft anbringt, können nichts entscheiden. Von den Helden, welche dazumal in romantischen Gedichten verherrlicht wurden, kömmt bei ihm blos Alexander vor[12]. Richard Löwenherz und Saladin, deren er erwähnt, waren durch nahe Ueberlieferung noch in frischem Angedenken. Nirgends eine sichre Spur, ob er des Lesens und Schreibens kundig war. Das Leben hat ihn erzogen, er hat gelernt, was er mit Augen sah, das Treiben der Menschen, die Ereignisse der Zeit waren seine Wissenschaft.

Manches Lied, das über seine Lebensgeschichte vollständigeres Licht verbreiten könnte, mag verloren gegangen seyn. In denjenigen, die auf uns gekommen sind, erscheint er als ein Mann von gereiftem Alter, und in mehreren zeigt er sich am Ziel seiner Tage. Seine Gedichte tragen im Allgemeinen das Gepräge der Welterfahrenheit, des Ernstes, der Betrachtung. Bis zur eigenen Qual fühlt er sich zum Nachdenken hingezogen, und er spricht das bedeutsame Wort:

Liessen mich Gedanken frei,
So wüßte ich nicht um Ungemach.
(I 114a)

Er stellt sich uns in einem seiner Lieder dar, auf einem Steine sitzend, Bein über Bein geschlagen, den Ellenbogen darauf gestützt, Kinn und Wange in die Hand geschmiegt, und so über die Welt nachdenkend. Damit bezeichnet er treffend das Wesen seiner Dichtung, und sinnreich ist er in zwei Handschriften vor seinen Liedern in dieser Stellung abgebildet.