Als die Hitze wieder begann, standen wir unter dem Banne eines unstillbaren Verlangens, das uns nicht verlassen wollte; wir stürzten im Geiste eingebildete Getränke hinunter. Ettore dachte gewöhnlich an ein großes Glas eiskalten Bieres, das durch den Schaum getrübt war, aber nach und nach vom Grunde aus immer klarer wurde und in der Kehle prickelte, während an der beschlagenen Außenseite Tropfen zwischen den Fingern herabrannen. Alle Augenblicke bot er mir sein Glas Bier an; ich revanchierte mich dafür großmütig mit Eiskaffee. Ich weiß nicht, warum der Eiskaffee zu meiner geistigen Lieblingserfrischung in der Wüste wurde. Seltsam, wir nahmen uns ernstlich vor, bei unserer Rückkehr wahre Orgien im Trinken zu feiern, uns in Wahrheit daran zu erquicken, als müsse uns dieser Durst bis in unsere Häuslichkeit verfolgen. Und wir empfanden großes Bedauern um alle Biere und alle Eiskaffees, die wir früher getrunken hatten, ohne uns ihren unermeßlichen Wert zu vergegenwärtigen, ohne die Glückseligkeit zu fühlen, die daraus entspringen kann.
Mit Udde waren auch die Felsen verschwunden. Stundenlang zog sich der Weg durch eine endlose Reihe von Tälern hin, die von niedrigen sandigen Hügeln von rötlicher Farbe eingeschlossen waren. Auf den Hügeln fanden wir mitunter eine kurze steinige Strecke, mitunter auch schweren Sand, der den Motor ermüdete, aber im allgemeinen konnte sich das Gelände für den Automobilsport nicht besser eignen. Die Maschine wurde des öftern auf jungfräulichen Ebenen zur Maximalgeschwindigkeit angetrieben; wir wichen von jeder Spur eines Pfades ab, verließen die Fußtapfen der Kamele und drückten die Spur unserer Räder einem Boden auf, der überhaupt noch nicht betreten worden war.
Zum erstenmal jagte ein Automobil mit all seiner Kraft außerhalb der tyrannischen Schranken der Straße hin, Herr seiner selbst, seinem Ungestüm nach Laune und Belieben folgend wie ein freies Roß. Wir freuten uns über diese weiten schnellen Fahrten, die unsere Flucht unterstützten. Wir empfanden die Angst vor der Einsamkeit und Stille immer beklemmender. Auf Hunderte von Kilometern waren wir die einzigen lebenden Wesen; wir litten unter einem unbestimmten geheimen tiefen Gefühl des Grauens über diese Vereinsamung, über das wir uns keine Rechenschaft ablegen konnten. Es war die Vorstellung einer uns weithin rings umgebenden Feindseligkeit, einer erbitterten Gegnerschaft der Erde selbst. Wir betrachten die Erde stets als eine großartige Persönlichkeit, nennen sie Mutter Erde, finden sie bald lächelnd, bald ernst, wir legen ihr Sprache und Leidenschaften bei; sie hat Gesichtszüge, die Empfindungen erwecken; es liegt etwas in ihr, was einer Seele gleicht, einer großen Seele. Wir fühlen dies instinktmäßig; wenn wir allein in einer Gegend sind, so haben wir Empfindungen von Freude oder von Trauer, die von dem herrühren, was sich unseren Augen darbietet, Empfindungen, die die unerforschliche Emanation eines geheimnisvollen Lebens sind, das uns umgibt. Dort draußen entsprang aus diesem Geheimnis Abneigung. Man möchte sagen, die Wüste liebe ihre Stille und verteidige sie. Sie ist ein unermeßlicher Friedhof, der nicht entweiht werden will.
Wir sehnten uns danach, wenigstens einen Baum zu sehen. Ein Baum ist ein Gefährte, ein riesenhafter Freund, der im Schatten seiner geöffneten Arme Gastlichkeit und Ruhe bietet. Seit Kalgan hatten wir jedoch keine Bäume gesehen. Allerdings hatten wir gestern nicht weit von Udde solche anzutreffen geglaubt; am Ufer eines ausgetrockneten steinigen Gießbaches bemerkten wir sieben in einer Reihe stehende Bäume — sieben Wunder. Wir näherten uns ihnen und bemerkten, daß es tamarindenartige Sträucher waren von weit unter Mannshöhe; die Kahlheit des Bodens hatte uns über die Größenverhältnisse getäuscht. Jedenfalls betrachteten wir sie als große Seltenheit und erfreuten uns an ihrem Dasein und an ihrer Form.
Es war 10 Uhr geworden, als die Steppe wieder auftauchte.
Das Gras begann zaghaft die Talgründe mit Grün zu bekleiden, dann dehnte es sich über die Hügel aus und wurde einheitlicher und dichter. Im Grünen ließ sich ein Gezwitscher von Vögeln vernehmen, anfangs unbestimmt, unterbrochen, fern, dann lauter, zusammenhängend, wohlklingend. Es waren Tausende von Wüstenlerchen, von eigenartigen Rebhühnern mit weißer Brust und von Schopfreihern. Um das Automobil herum erhoben sich ganze Wolken dieser fröhlichen Bewohner der Luft; zuzeiten waren wir von ihnen vollständig eingehüllt. In der Nähe mußte sich also Wasser befinden. In der Tat fuhren wir kurz darauf an kleinen schlammigen, mit gelbem Rohr bedeckten Sümpfen vorbei, deren Ufer von Wasservögeln wimmelten, von weißen Flamingos, die unbeweglich auf den langen roten Beinen standen, von Enten mit schwarzem Kopf und von Wildgänsen. Mitunter hob eine von unserer Ankunft überraschte Antilope den feinen Kopf aus dem Grase und schoß dann pfeilschnell von dannen.
Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.
Die Geschwindigkeit des Automobils zeigte uns wechselnde Landschaftsbilder, die den Karawanen unbekannt sind. Im Laufe einer Stunde waren wir aus der Sandwüste in die Steppe gelangt; der träge Gang des Kamels würde einen Tag dazu gebraucht haben, das heißt eine Zeit, in der der Wechsel gar nicht zum Bewußtsein kommt. Im Fluge durcheilten wir eine vollständig ebene Fläche, eine Fahrt von 60 Kilometern ohne Unterbrechung, die, wie wir hofften, nicht eher enden würde als auf unserem neuen Halteplatz. Aber die Fahrt ging zu Ende, die Ebene ging zu Ende, die Steppe ging zu Ende, es verstummte der Gesang der Lerchen, und wir steuerten vorsichtig in eine steinige, traurige, nackte, öde Gegend! Von neuem waren wir von der Wüste eingefangen. Wir machten an einem Brunnen mitten im Lager einer chinesischen Karawane halt. Die Karawanenführer traten halbnackt aus ihren blauen Zelten und näherten sich uns.