Unvermutet kam der Berg wieder zum Vorschein. Er war ungefähr 15 Kilometer entfernt und schien aus einem riesenhaften Felsblock mit senkrechten Wänden zu bestehen; er erhob sich über einem Hügel, der vielleicht von den Trümmern des Felsens herrührte. Augenscheinlich bildete die lange Reihe von Ebenen und Anhöhen, durch die wir soeben gekommen waren, in ihrer Gesamtheit eine weite Einsenkung, eine riesige Höhlung, eine „Gobi“, und dieser Umstand hatte uns daran gehindert, den Berg von Tauerin nach seinem ersten fernen Erscheinen wieder zu erblicken. Je näher er kam, desto seltsamer erschien er.
Es war nicht ein einzelner Felsblock; es war eine Gruppe von Klippen, eine Anhäufung von Felsen, eine Kolonie von Schären, etwas wie ein ungeheuerer Obo, errichtet von dem Glaubenseifer eines Volkes von Titanen. Dreiviertel Stunde später fuhren wir zwischen Steinen und Blöcken in eine phantastische Gegend ein.
Wir stiegen den Abhang des erwähnten Hügels hinan, der von dem Felsen mit seinen bizarren, furchterregenden Umrissen überragt wurde. Wir hatten den Eindruck, als befänden wir uns in einer ungeheueren Ruine, als wären wir an einem Orte, an dem eine Welt zusammengebrochen war. Diese riesigen, seltsamen Steine schienen aus der Höhe herabgefallen zu sein, umgestürzt, fortgeschleudert, zertrümmert von der Wut einer unermeßlichen Katastrophe. Zu der Verödung gesellte sich die Wüste. Die Wüste schlummerte nicht mehr auf stillen, weiten Ebenen; hier bäumte sie sich ungestüm auf und nahm gewalttätige Formen an; sie schien sich nicht mehr zur Abwehr, sondern zur Zermalmung zu rüsten.
Die Maschine fuhr auf der Karawanenstraße mühsam bergan, und ihr Schnaufen wurde vom Echo zurückgeworfen. Wir suchten zwischen den Felsen nach der Telegraphenstation; ohne es zu bemerken, hatten wir unseren Führer, die Telegraphendrähte, verloren und befanden uns wie verlassen in jener unheimlichen Einsamkeit. Es gelang uns nicht, unseren schmerzlich ersehnten Zufluchtsort zu entdecken.
Aus einem Loche schlüpfte ein Fuchs heraus, der, anstatt erschreckt zu fliehen, uns eine lange Strecke begleitete; gelehrig wie ein Hund, kehrte er uns die spitze, gestreifte Schnauze zu und schleppte die prächtige, langbehaarte Rute hinter sich her. Dann verschwand er.
Wir gelangten auf den westlichen Gipfel der Anhöhe. Die Felsen rundeten sich nach dieser Seite ab und nahmen die Gestalt von riesigen Tiergruppen an. Wir fuhren bergab, der Ebene zu.
Mit einem Male sahen wir über diesem ungeheueren Steinhaufen vier goldene Kugeln in der Sonne glänzen. Sie waren von gleicher Größe, hielten sich in derselben Höhe und waren symmetrisch verteilt. Wir betrachteten sie mit angespannter, stummer Aufmerksamkeit. Sie schwebten über dem Felsengewirr, das zur Linken der Straße herabfiel, einige hundert Meter vor uns. Als wir unseren Weg fortsetzten, entdeckten wir zwischen den Blöcken einen breiten Zwischenraum, und unsere Neugierde ging in Verwunderung über, die Verwunderung in sprachloses Staunen, je mehr die verworrenen Bilder in diesem von der Sonne grell beleuchteten Zufluchtsorte feste Gestalt annahmen. Einige Minuten später brachten wir das Automobil zum Stehen, um mit gierigen Augen das unglaubliche Schauspiel einer Stadt zu betrachten, einer Stadt seltsamen Aussehens, einer Märchenstadt!
Wir konnten sie von der Höhe überblicken. Felsen umgaben sie von allen Seiten und vertraten die Stelle von Mauern. Die goldenen Kugeln bildeten die Bekrönung von vier großartigen Tempeln, die sich nach Süden zu aneinanderreihten. Diese heiligen Gebäude hatten nichts gemein mit dem Tempel, den wir in der Nähe von Pang-kiang gesehen hatten, dem Tempel des alten unbeweglichen Priesters. Sie waren auf großen Plattformen von Holz errichtet, wie die buddhistischen Bauten Japans; sie schienen ganz aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem Holze zu bestehen; sie hatten Dächer, die an den Ecken aufgebogen waren wie die chinesischen, aber ohne in jene charakteristische Linie auszulaufen, die dem Dache eines Zeltes gleicht und die vielleicht im Zelte ihren Ursprung hat, ihre Firste endeten im Gegenteil in Giebeln. Auf der äußersten Spitze befand sich immer eine goldene Kugel. Diese Gebäude glichen einander und standen jedes abgesondert von den übrigen. Ihre Großartigkeit rührte von ihrer isolierten Lage her. Rings umher keine Pflanze, kein Anzeichen von Grün, nur Sand und Felsen. Die Stadt lag ein wenig entfernt und ließ ehrfurchtsvoll einen freien Raum zwischen sich und ihren Tempeln.
Man kann sich keine seltsamere Stadt vorstellen. Sie bestand aus einer Menge kleiner weißer Häuser aus Kalk und Holz, mit quadratischen, regelmäßigen Dächern, aus geraden und breiten Straßen. Die Stadt und die Tempel schienen neu, aber ausgestorben. Die Straßen waren verlassen. In dem hellen Lichte, das in sie einströmte, bemerkten wir kein menschliches Wesen. Der Ort, der unversehens wie durch Zauberei vor uns auftauchte, schien unbewohnt zu sein. Oder besser, nicht von Menschen bewohnt, weil wir von Zeit zu Zeit Hunde bemerkten, die durch die Straßen liefen, an den Häusern entlang schlichen und sich an den schattigen Stellen auf allen vieren ausstreckten. Die Stadt schwieg wie die sie umgebende Wüste.