Wer mochte in diesen Gegenden leben? Mönche, sicherlich. Wir glaubten uns plötzlich vor einem Bergneste des Lamaismus zu befinden. Wir ließen das Automobil stehen und näherten uns der Lamastadt, indem wir auf einen mächtigen Felsblock kletterten. Nur Menschen, die im Gebet und in religiöser Vertiefung ihren Lebenszweck erblicken, konnten eine solche Regungslosigkeit und solches Schweigen beobachten. Da drang von irgendeinem Punkte eine laute, helltönende, frohe Kinderstimme zu uns empor. Ihr Klang genügte, um uns zu sagen, daß dort nicht nur Mönche wohnten. Wir stiegen nicht zu den Häusern hinunter, aus Furcht, einen gefährlichen Fanatismus zu erwecken. Auch hatten wir große Eile, unseren Lagerplatz aufzusuchen. Wir kehrten daher zum Automobil zurück und setzten unsere Nachforschungen nach der Telegraphenstation fort. Die geheimnisvolle Stadt entschwand unseren Blicken.

Wir bemerkten einen Hirten, der eine kleine, im Schatten der Felsblöcke grasende Herde bewachte, aber zu weit entfernt war, als daß wir mit ihm hätten sprechen können. So begannen wir auf der nördlichen Seite des Berges hinunterzufahren. Die Telegraphenstation war noch immer nicht sichtbar. Wir kehrten daher zurück und beschlossen, die Lamas der heiligen Stadt zu befragen.

Von neuem in die Nähe der Stadt gelangt, begaben wir uns zu Fuß nach dem bewohnten Teile. Irgend jemand hatte uns gesehen. Männer eilten aus den Straßen heraus und stiegen, von Hunden begleitet, zu uns empor, allen voran ein Greis. Der Fürst wandte sich mit einem Zeichen des Grußes an ihn. Der Alte wich zurück und floh. Der Gruß wurde bei einem jungen Manne wiederholt, der ihn glücklicherweise festen Fußes und mit einem der Sachlage entsprechenden Mute entgegennahm.

Wie aber sollte man einen mongolischen Lama nach dem Wege zu einer Telegraphenstation fragen? Nachdem wir alle chinesischen Worte, die zum Ziele führen konnten, gebraucht, alle Gesten, die nach unserer Meinung Drähte, Stangen, Häuschen, Telegraphieren bezeichneten (an dieser Stelle der Mimik ahmten wir mit der Stimme das Geräusch des Stiftes in einer Weise nach, die uns vollkommen erschien: tick-tick tick, tick-tick tick), wiederholt hatten, erzielten wir nur das eine praktische Resultat, daß das ganze Lamaistenkloster von Tauerin lachte. Das war wenigstens etwas! Das Mißtrauen verschwand, der Humor besiegte den Widerstand, die Mönche drängten sich vertraulich um uns und freundeten sich mit uns an. Aber den Weg zur Station fanden wir nicht.

Der Fürst hatte jetzt eine glückliche Idee; er holte sein Notizbuch hervor und zeichnete Striche, die die Telegraphenstangen darstellen sollten, versah sie mit Isolatoren und spannte Drähte dazwischen. Die Lamas verfolgten seine Arbeit mit gespanntem Interesse, stießen einander an und reckten die Hälse. Es waren Männer jeden Lebensalters, mit glattrasiertem Kopf und Gesicht, in Kutten und Mäntel von gelber und roter Farbe gehüllt. Viele trugen den Mantel auf dem bloßen Körper, wie eine Toga über die linke Schulter geschlagen, und bedeckten mit einem Zipfel des Mantels den Kopf. Kutten, Mäntel und Menschen waren gleichmäßig schmutzig; Wasser ist in der Wüste selten. Wer ahnt, was für ein aufregendes Erlebnis unsere Ankunft für jene Eremiten war, die sich von der Welt abgeschlossen haben, um die heiligen Schriften des Buddhismus zu studieren und über sie nachzudenken! Die Mongolen tragen ihre aus dem fernen Tibet stammenden heiligen Bücher mit sich in die ödesten Gegenden; sie verbergen sie wie einen Schatz. Sie sind der Ansicht, daß die milde Lehre Buddhas nur in der Einsamkeit und Stille vollständig begriffen werden könne.

Nachdem der Fürst die Drähte gezeichnet hatte, ging er an die Darstellung der Telegraphenstation, in der sich die Drähte vereinigten, und tippte dann mit dem Finger darauf, um anzudeuten, daß dies der Gegenstand unserer Fragen, der eigentliche Zweck seiner langen Arbeit sei. Da begriffen die Lamas den Sinn der Hieroglyphen! Gestikulierend und laut durcheinanderrufend setzten sie sich in Bewegung, um uns die Richtung zu zeigen. Auf die Straße gelangt, blieben sie beim Anblick des Automobils erstaunt stehen. Sie umringten es und betrachteten es mißtrauischen Blickes. Eine Menge Hunde war den Mönchen gefolgt und schnüffelte indiskret überall herum. Ettore glaubte den Augenblick gekommen, die Maschine in Bewegung zu setzen. Er drehte die Kurbel zweimal mit Macht herum, der Motor trat lärmend und brausend in Tätigkeit, und die Hunde und die Lamas flohen Hals über Kopf der heiligen Stadt zu!

Zum Glück hatten wir begriffen, daß die Telegraphenlinie sich in östlicher Richtung auf engen, sich zwischen den Felsen hindurchwindenden Pfaden hinziehe. Ich weiß nicht, wie es dem Automobil glückte, die steilen Abhänge bis zur Höhe des Hügels hinaufzuklimmen, eine Art Gang zwischen den Felsblöcken zu passieren und auf der andern Seite wieder hinunterzugelangen. Tatsache ist, daß wir auf eine Wiese kamen, auf der schon der Abendschatten lag — und mitten auf der Wiese lag die dritte Telegraphenstation der Mongolei, klein wie ihre Mitschwestern, wie diese ein Lehmbau und doch in unseren Augen so verlockend!

„Wissen Sie schon?“ fragte uns der chinesische Telegraphist in großer Eile — „es ist ein anderes Automobil vorübergekommen. Es fuhr nach Urga.“

„Ist es möglich?“

„Ja, es hat hier nicht gehalten. Es fuhr rasch wie der Wind.“