Vor den zusammengelegten Knochen zündeten wir uns dann unsere Zigaretten an und unterhielten uns beim Scheine einer in den Hals einer Flasche gesteckten Kerze eingehend über die nahe Wüstenstadt, deren Weichbild von keinem weiblichen Fuße betreten werden darf, von unserer Reise, von dem nächsten Haltepunkte. Wir hatten Müdigkeit, Durst, alle Leiden der langen Tagereise vergessen, dreizehn endlos lange Stunden der Fahrt in glühender Sonnenhitze, in aufreibender Anspannung der Nerven, unter tausend Zweifeln und Ängsten.
Wie klein und verächtlich erschienen uns nun die überwundenen Schwierigkeiten! Die Zukunft spornte uns dermaßen an, daß wir keine Zeit verloren, zurückzublicken. Diese Neigung, Schlimmes zu vergessen, macht das größte Glück des Menschen aus. Jeden Morgen fühlten wir uns beim Aufbruch stark und bereit zu neuen Anstrengungen, weil wir die Erinnerung an den vorigen Tag verloren hatten. Ein wohltätiger Schleier breitete sich über die überstandenen Leiden. Und beim Aufbruch glaubten wir immer, alle Schwierigkeiten seien zu Ende. Im Vergessen und im Hoffen liegen die Quellen unserer Kraft! Unsere Fahrt glich in vielen Stücken dem Leben.
Tauerin liegt am Rande der Wüste. Im Süden von Tauerin trostlose Unfruchtbarkeit, im Norden die grüne Pracht der Steppe. Jener hohe Felsen scheint als Wahrzeichen, als Leuchtturm an seinen Platz gestellt zu sein, um den unterwegs befindlichen Wanderern die Grenze zwischen der toten und der lebenden Erde anzuzeigen, um den einen zu sagen: „Bereitet euch vor zum Ende“, den andern: „Mut!“
Die Strecke zwischen Tauerin und Urga erschien uns bezaubernd, vielleicht weil wir aus der Wüste Gobi kamen. Wir fanden alles entzückend: das Gras, den Weg, den Himmel. Denn auch der Himmel hatte sich verändert; er war bewölkt, und wir bewunderten die Wolken, die sich darin gefielen, ihre langen, flüchtigen Schatten wie riesige, zarte Liebkosungen über uns hingleiten zu lassen. Wir fuhren 50 Kilometer die Stunde, zuweilen 60. Das Gelände war leicht gewellt, und wir ließen uns die sanften Abhänge hinabgleiten mit dem ganzen Ungestüm der Geschwindigkeit und des Schwergewichts. Wir waren fröhlich, fanden tausenderlei zu sprechen, machten uns auf alles aufmerksam, was wir sahen, und dachten laut.
Ettore fragte, um wieviel Uhr wir in Kalgan eintreffen würden — ja, in Kalgan, da Ettore in seiner Vorliebe für Vereinfachung die Namen aller durchfahrenen und der noch zu durchfahrenden Orte unterdrückte, zur bequemeren Bezeichnung aber ein paar übriggelassen hatte. Und diese paar wandte er ohne Unterschied auf alle an. Es war eine Art Kauderwelsch; Kalgan bedeutete: „jene Stadt, welche ...“ Ettore hatte ein schlechtes Gedächtnis für Geographie; die Namen gingen an ihm vorüber, ohne haften zu bleiben, wie Vögel im Fluge; war es ihm aber gelungen, sich eines Namens zu bemächtigen, so ließ er ihn nicht mehr los und er mußte ihm die Stelle aller andern vertreten, die ihm entwischt waren. Seine aufrichtige Gleichgültigkeit gegen die Reiseroute hatte ihre beneidenswerten Seiten; wir lachten wohl über seine geographischen Schnitzer, aber nicht, weil es Schnitzer waren, sondern wegen seiner frischen Naivität, wegen des Zutagetretens seiner ungekünstelten Schlichtheit; wir empfanden neben ihm den reinen Genuß, den die Berührung mit der Seele eines großen intelligenten Kindes verleiht. Für Ettore bestand die Reise aus zwei einleuchtenden Wahrheiten: nämlich erstens, daß wir zwei bis drei Monate alle Tage oder wenigstens fast alle Tage vom frühen Morgen bis zum Abend fahren müssen, und zweitens, daß, um anzukommen, das Automobil beständig gut gelenkt, überwacht, behorcht, nachgesehen, geprüft, besorgt, geputzt, geölt, eingefettet werden muß, wobei er niemals ermüden darf, sondern im Gegenteil dem Wagen seine ganze Aufmerksamkeit, Erfahrung, Intelligenz und Energie widmen muß. Dies war gerade Ettores Lieblingsarbeit. Wenn er abends an den Haltepunkten eintraf, so aß und schlief er nicht eher, als bis er die Maschine in Ordnung gebracht hatte; stundenlang lag er in den unglaublichsten Stellungen unter dem heißen Bauche des Automobils, von dem siedendes Öl heruntertropfte; zuweilen erhob er sich, von einem Zweifel ergriffen, zu den unmöglichsten Stunden vom Lager, und dann hörten wir ihn mitten in der Nacht Verschlüsse abschrauben, Stücke wegnehmen, um die feinsten Konstruktionsteile zu besichtigen und hierauf alles wieder an Ort und Stelle zu bringen. Bei Tagesanbruch war er stets in tadelloser Bereitschaft, nach — Kalgan zu fahren!
Ein Brunnen der südlichen Mongolei.
An diesem Morgen stießen wir wieder auf große Pferdeherden, die ihre prächtigen Manöver um uns herum ausführten. Wir erblickten Jurten; schwarze, zottige Hirtenhunde verfolgten uns; Schafherden stillten an Brunnen ihren Durst, Karawanen begegneten uns am hellen Tage. Alles stimmte uns heiter. Wenn wir nicht sprachen, sangen wir. Der Fürst pfiff beim Steuern seine Lieblingsarie, die „Petite Tonkinoise“, die ich passend begleitete.
In der Ferne weideten einige Antilopenherden; vom Automobil aufgeschreckt, ergriffen sie die Flucht quer über die Straße vor uns. Wir hatten diese seltsame, den Antilopen eigene Art des Fliehens, die die armen geängstigten, über unsere Schnelligkeit entsetzten Tiere uns auf 20–30 Meter nahebrachte, noch nicht beobachtet. Die Jäger kennen diese sonderbare Taktik gut und sprengen daher nicht direkt auf das Wild zu, dessen Lauf viel rascher ist als der eines mongolischen Pferdes, sondern biegen etwas von der geraden Richtung ab, um es von der einen Seite zu fassen, da sie wissen, daß die Antilopen auf Flintenschußweite an ihnen vorüberstürmen werden. Dieses Vorüberjagen im rechten Winkel zur Richtung des Feindes ist ein primitives Schutzmittel gegen die Verfolgung. Die Tiere nehmen an, ihr Ungestüm werde den Gegner aus der Richtung bringen und ihn zu einem Zeitverlust zwingen, indem er eine andere Richtung einschlagen muß und dann erst wieder die Verfolgung aufnehmen kann.