In das weite Tal des Tola einbiegend, gewahrten wir in westlicher Richtung Urga, undeutlich wie in einem Spiegel, durchsetzt mit weißen Gebäuden, die Tempel sein mußten. Wir hatten noch einen langen Weg zurückzulegen, ehe wir die Stadt erreichten. Der Tola und ein Netz seiner Nebenflüsse kreuzen oft die Straße. Von Russen erbaute Brücken führen darüber; aber die Mongolen ziehen es vor, durchzuwaten. Schließlich folgten wir ihrem Beispiel und fuhren entschlossen in den Fluß hinein, wobei wir uns an die Spuren der Räder und Schuhe hielten und mit voller Geschwindigkeit vorwärtseilten, um nicht einzusinken. Diese Durchfahrt der großen grauen Maschine, um die herum das Wasser wie um ein Torpedoboot hoch aufspritzte, war ein eigenartiger Anblick.
Urga ist nicht eine einzelne Stadt; es gibt drei Urga: ein chinesisches, ein mongolisches und ein russisches, die mehrere Kilometer voneinander entfernt liegen. Drei große Rassen, die slawische, die mongolische und die chinesische, wohnen dicht beieinander, ohne sich jedoch zu vermischen. Es herrscht zwischen ihnen noch ein Rest jahrhundertealter Gegnerschaft. Die drei Städte scheinen von feindlichen Völkerschaften bewohnt zu sein; sie haben das Aussehen verschanzter Lager. Sie sind von sehr hohen Palissaden umgeben, wie sie in der Kriegführung der Alten üblich waren, um den Ansturm der angreifenden Reiterei zu brechen. Hohe Palissaden umgeben auch die einzelnen Häuser und Tempel. Nach außen sieht man nichts von dem Familienleben der Bewohner; die Straßen sind nichts als eintönige, düstere und gleichförmige Gänge zwischen Holzmauern.
Gefahr muß also auch heute noch bestehen; diese Verteidigungswerke können nicht lediglich traditionelle Bedeutung haben. In der Tat hat das russische Konsulat — eine Villa im sibirischen Stile, die isoliert zwischen der Chinesen- und der Mongolenstadt liegt — rings ein Glacis und Laufgräben; es ist von breiten Gräben und von Netzen aus Eisendraht, von Wolfsgruben, den modernsten und wirksamsten Annäherungshindernissen, umgeben; es hat Kanonen und eine Besatzung von transbaikalischen Kosaken. Weiterhin, gegen Westen zu, in der Nähe der Mongolenstadt, hat sich auch der tatarische General, der Tu-tung von Urga, der Kommandant der chinesischen Besatzung, in eine Festung von quadratischem Umriß eingeschlossen. Sie wird durch Erdwerke, die durch Balken verstärkt und mit Zinnen und Schießscharten versehen sind, verteidigt und an den Ecken von Militärposten bewacht. Chinesen und Russen haben sich wie in einem eroberten Lande eingenistet. Wer ist der wirkliche Herr?
Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.
Sicher nicht jener göttlich verehrte Herrscher des mongolischen Volkes, der Chutuktu, der lebende Buddha, der fast ganz abgeschlossen in einem etwas abseits gelegenen Lamakloster wohnt, zu welchem die meisten Gebäude gehören, die man aus der Ferne sieht. Buddha gefällt sich darin, ein menschliches Leben zu führen, indem er in den Körper dreier Männer eingeht — nur dreier in der ganzen Welt. Einer von diesen ist der Dalai Lama von Lhasa, der zweite der von Urga, der dritte der von Peking, das Oberhaupt von zwölfhundert Lamas des großen Tempels von Jung-ho-kung. Obgleich alle drei die Seele Buddhas besitzen, herrscht zwischen ihnen doch ein merkbarer Rangunterschied. Der von Tibet ist der am höchsten, der von Peking der am wenigsten angesehene; der Unterschied besteht in der Größe der Segenskraft. Sie werden nicht nach ihrem inneren Werte verehrt, sondern nach dem Nutzen, den sie stiften. Als vor zwei Jahren der Dalai Lama von Tibet aus Lhasa entfloh, das durch den Vormarsch der Engländer bedroht war, und sich nach Urga flüchtete, verließen die wackeren Mongolen ihren einheimischen Gott zugunsten des weit mächtigeren tibetischen. So konnte man damals das seltsame Schauspiel erbitterter Feindschaft zwischen zwei Buddhas beobachten.
Um diese in Ungnade gefallene Gottheit von Urga schlingen sich die Fäden der politischen Intrige. Ein kluger, energischer und ehrgeiziger Mann an der Spitze des mongolischen Volkes könnte der chinesischen Oberhoheit gefährlich werden. Wahrscheinlich rührt daher die seltsame Erscheinung, daß der lebende Gott niemals ein Mann, sondern stets ein Kind ist. Sich anbeten zu lassen, ist eine Aufgabe, die auch ein Kind erfüllen kann. Dieser Jüngling gelangt nie zu voller Reife. Wenn er die Schwelle des Mannesalters erreicht, stirbt er. Er stirbt unvermutet, auf geheimnisvolle Weise. Aber er hat bereits seinen Nachfolger ernannt, und ein anderes Kind besteigt den tragischen Altar. Dieser plötzliche Tod ist eines der regelmäßigsten Wunderzeichen der Gottheit: die Seele des Gottes kann nur in einem Kinde wohnen. Es geht jedoch das Gerücht, daß das heilige Kind — erdrosselt wird!
Der letzte Großlama hat das kritische Alter glücklich überstanden. Das gewohnte Wunder erleidet daher eine Verzögerung, die man durch den wirksamen Schutz erklären will, den der russische Konsul — ein geschickter Diplomat burjatischen Stammes, der dem mongolischen nahe verwandt ist — ausübt. Der Konsul ist ein vertrauter Freund des lebenden Buddha und hat freien Zutritt in die heiligen Bezirke. Der chinesische Gouverneur dagegen ist weit davon entfernt, über den Großlama die alte Macht und Autorität auszuüben; man sagt sogar, er sei diesem von Herzen zuwider. Wenn aber die lebende Gottheit noch am Leben ist, so scheint sie in einen Zustand gebracht worden zu sein, der infolge frühzeitiger Laster und des Mißbrauchs alkoholischer Getränke nahe an Idiotismus grenzt. Man kann sagen, daß wenigstens der Verstand des Großlama erdrosselt worden ist.
Sicher ist, daß man angesichts jener verschanzten Lager, der Befestigungen, der Intrigen, der grausigen Mordgeschichten, und beim Anblick seltsam gekleideter Reiter, die im Galopp durch die Straßen längs den Befestigungswerken aus Holz sprengen, den Eindruck hatte, als lebe man hier in einer mittelalterlichen asiatischen Stadt. Das plötzliche Erscheinen eines Automobils in dieser Welt bildete einen Kontrast, der etwas Widersinniges an sich hatte.
Der Großlama besitzt selbst ein Automobil, ein kleines Fahrzeug, das ihm der russische Konsul geschenkt hat, vielleicht um ihn für die Rivalität des tibetischen Buddha zu entschädigen. Das Fahrzeug hat aus eigener Kraft noch keinen einzigen Schritt gemacht. Kaum war es in Urga angekommen, so ließ der verkörperte Buddha es im Hofe von zwei Männern im Kreise herumschieben, in der Hoffnung, es werde von selbst seinen Lauf beginnen und seine Umfahrt beenden. Dann entschloß er sich dazu, einen Ochsen vorspannen zu lassen, und schickte es nach seiner Sommerresidenz, wo es verrostet, in der Erwartung, daß eine andere europäische Macht einen Chauffeur dazu schenkt.