Neuntes Kapitel.
Urga.
In der Russisch-Chinesischen Bank. — Eine seltsame Pilgerfahrt. — Der chinesische Gouverneur im Automobil. — Die Abfahrt von Urga. — Im Sumpfe steckengeblieben. — Eine unheilvolle Fahrt bergab.
Von den drei Städten Urga war die chinesische die erste, die wir bei unserer Ankunft berührten. Wir fuhren in sie ein, weil der Telegraph hineinführte. Wir hatten so sehr die Gewohnheit angenommen, den beiden Drähten überallhin mit dem größten Vertrauen zu folgen, daß wir uns von ihnen ohne Widerrede Gott weiß wohin hätten führen lassen. Die Drähte waren Chinesen, die in der chinesischen Stadt haltmachten, bevor sie ihren Weg direkt nach Norden über steile Gebirge hinweg wieder aufnahmen. Ihre Aufgabe als Führer war aber zu Ende. Sie geleiteten uns durch die engen, schmutzigen Straßen der Chinesenstadt, sprangen mit einem Satze über eine Palissadenwand und ließen uns verdutzt stehen.
Unsere Ankunft verursachte, daß die Einwohnerschaft an den Eingängen der Gehöfte zusammenlief, von denen aus wir einen raschen Blick in die Höfe, die gedrängt voller Kisten, Kamele und Kinder waren, auf chinesische Häuser mit Gittern in verwickelten geometrischen Figuren und auf kleine buntbemalte, in die Augen fallende Tempel werfen konnten. Hinter den barbarischen Verteidigungswerken aus Balken bemerkten wir Anzeichen von Wohlstand und Fleiß. Die Bewohner beschäftigen sich sämtlich mit Großhandel; sie sind durch den Handel mit Tee, Wolle, Fellen, Pferden reich geworden und veranstalten regelmäßige Karawanenreisen; sie sind Eigentümer von Hunderten von Kamelen und Ochsen. Sicherlich waren sie von unserer Ankunft unterrichtet; sie betrachteten uns neugierig, aber nicht verwundert; der Telegraph hatte die Kunde von dem Ki-tscho bereits verbreitet, und die Berührung mit den Russen, die beständigen Beziehungen zur Welt des Westens haben den bezopften Einwanderern einen praktischen Sinn eingeflößt, der sie das Automobil von einem durchaus vernünftigen Gesichtspunkte aus betrachten ließ. Einige fragten, ob wir geradenwegs von Tauerin kämen, und wandten sich bei unserer bejahenden Antwort zu den übrigen, um dies Ereignis mit ihnen angelegentlichst zu erörtern.
Auf den Straßen der Chinesenstadt erblickten wir auch die ersten nordmongolischen Frauen, deren Kopfputz so auffallend und so neu für uns war, daß wir uns nicht enthalten konnten, sie mit indiskreter Beharrlichkeit zu betrachten. Zweifellos ist es den verheirateten Frauen der nördlichen Mongolei gelungen, aus ihrem Kopfhaar das originellste Meisterwerk herzustellen, das sich von der vereinten Phantasie von hundert Frauengenerationen ersinnen läßt.
Die Haare fallen zu beiden Seiten des Gesichts in zwei flachen, auf das reichlichste mit Gummi zusammengeklebten Streifen herunter, die in nichts mehr nach Haaren aussehen; sie gleichen zwei riesigen schwarzen, zurückgebogenen, das Gesicht umrahmenden Netzen, die einen solchen Umfang besitzen, daß sie beinahe Schulterbreite erreichen, und die auf der Brust spitz auslaufen. Die Netze werden durch eine Menge Stäbe auseinandergehalten, die wie die eines Fächers angeordnet sind und ein seltsames Gitterwerk um das Gesicht herum bilden; sie sind mit hin und her schwingenden größeren und kleineren Silbermünzen bedeckt, unter denen wir eine Anzahl russischer Zehn- und Zwanzigkopekenstücke erkennen, ein neues Zeichen der Nähe des Moskowiterreiches. Selbstverständlich wird ein Kopfputz von solcher Kompliziertheit nur einmal im Leben angefertigt; vor der Hochzeit überläßt die Braut ihren Kopf den geschickten Händen eines Künstlers und beschränkt sich dann auf die Tätigkeit des Erhaltens; sie stäubt ihre Netze von Zeit zu Zeit aus und bestreicht sie, wenn es nötig ist, von neuem mit Gummi. Die Gefahr, daß der Gebrauch eines Bades den Bestand dieser Haarphantasie schädigen könne, besteht nicht.
Frauen aus der nördlichen Mongolei.