Der Gouverneur war trotz des furchtbaren Gefolges, mit dem er sich umgab, der feinste und wohlwollendste Chinese. Als vollendeter Diplomat sprach er, ohne etwas zu sagen, lächelte allen zu, lachte über alles, nahm Tee und entfernte sich wieder mit seiner Sänfte und seiner dahinsprengenden Eskorte.

Auch einen Besuch des tatarischen Generals empfingen wir. Besonders tiefen Eindruck machte auf diesen die Mitteilung, daß unser Automobil die Kraft von 50 Pferden habe. Zum Teufel, wir hatten ja beinahe mehr Kavallerie als er! Eine schwierige militärische Frage türmte sich vor dem Geiste des tatarischen Generals auf, ein Zweifel quälte ihn: existierte in Europa eine auf Automobilen reitende Kavallerie? Wenn sie existierte, so waren alle tatarischen Generale, die mit der Bewachung der Grenzen des Himmlischen Reiches betraut waren, völlig unnütz. Zehn Automobile hätten die Mongolei in vier Tagen eingenommen. Wir beruhigten ihn dahin, daß eine auf Dampfpferden reitende Kavallerie nicht existiere. Er war davon sehr befriedigt.

Am Abend hielt ein mongolischer Beamter, der einen Handwagen zog — die mongolischen Beamten sind bescheidene Leute —, am Tore der Bank und überreichte ein rotes Papier, auf dem chinesische Schriftzeichen standen. Es war die Visitenkarte des Gouverneurs; sie begleitete Geschenke. Diese Geschenke standen auf dem Wagen und weigerten sich hartnäckig abzusteigen: es waren zwei prächtige Hammel, die der Mann schließlich zum Gehorsam zwang; außer den Hammeln sandte der Gouverneur noch einige Flaschen russischen Wein und Büchsen mit Konserven. Nachdem der mongolische Beamte, der einen Hut mit dem Knopfe eines Mandarinen sechster Klasse trug, alles auf die Erde gestellt hatte, ersuchte er uns, festzustellen, daß der Wagen leer sei und daß er nichts veruntreut habe. Dies bescheinigten wir ihm.

In Urga fanden wir unser drittes Depot an Benzin und Öl vor, das letzte in der Mongolei, das durch eine Karawane von Peking hierhergebracht worden war.

In Kiachta sollten wir das vierte Depot finden, das durch Sibirien dorthingeschafft worden sein sollte. War es eingetroffen? Würde keine Verzögerung, kein Irrtum Veranlassung geben, daß wir unterwegs aus Mangel an Brenn- und Schmiermaterial stilliegen müßten? Diese Fragen erwogen wir mit einer gewissen Beklemmung. Uns fehlten Nachrichten. Der Fürst hatte in Peking ein Telegramm aus Petersburg erhalten, in dem ihm angezeigt wurde, daß er in Kiachta ein Verzeichnis der Depotstationen und der Menge Benzin und Öl finden würde, die an jedem Haltepunkte zu seiner Verfügung ständen. Wir hatten Bedenken, und die Tatsachen sollten uns recht geben.

In Urga wurden sämtliche Behälter nachgefüllt, ohne daß uns das große Gewicht Sorge machte, da wir auf diese Weise die Kraft für weitere tausend Kilometer aufspeicherten. Nachmittags kam Ettore und meldete, die Maschine sei bereit, die Fahrt wieder aufzunehmen. Er hatte ein einziges Wort, mit dem er dies alles ausdrückte:

„Fertig!“

„Alles in Ordnung?“ fragte ihn der Fürst.

„In bester Ordnung. Ich habe alles nachgesehen. Die Maschine ist noch so gut wie neu.“

Wir mußten nun noch auf die andern warten. Urga machte uns übrigens das Warten angenehm. Das Komitee leistete uns in liebenswürdigster Weise Gesellschaft. Es gehörten dazu Kosakenoffiziere, ein vom Kriegsschauplatz in der Mandschurei zurückgekehrter Stabsarzt, Kaufleute, Damen, die sich nach dem Petersburger und Moskauer Leben zurücksehnten. Auch ein Engländer von vornehmem Aussehen befand sich darunter; ich hätte ihn für einen Diplomaten gehalten, wenn man mir nicht versichert hätte, daß er ein geschickter Pionier des Woll- und Rauchwarenhandels sei.