Oft ließ ich mir ein Pferd satteln (die Ställe standen zu unserer Verfügung) und ritt, auf dem hohen Kosakensattel thronend, nach dem Telegraphenamt in der Chinesenstadt, um meine Depeschen aufzugeben und Nachrichten von unseren Kollegen einzuziehen. Am Abend erfuhr ich, daß die beiden „de Dion-Bouton“ nachmittags 5 Uhr in Tauerin eingetroffen seien; sie würden morgen in Urga sein. Keine Nachricht vom „Spyker“! Weder Pang-kiang noch Udde wußten etwas. Seit drei Tagen und zwei Nächten war der „Spyker“ also in der Wüste verschollen; der Mongole mit dem in Lumpen verpackten Telegramm und seinem mit Benzin beladenen Kamele hatte ihn noch nicht getroffen. Auf dem „Spyker“ befanden sich mein lieber Kollege Du Taillis und als Führer Godard. Wir hatten mit der Wüste erst vor kurzem Erfahrungen gemacht, die uns jeden Augenblick mit einem Gefühl der tiefsten Besorgnis an die beiden denken ließ. Zu der Vorstellung von ihrem Leiden gesellte sich ein anderer quälender Gedanke. Wir wußten, daß sie befreit werden würden, daß man ihnen am Morgen des 19. Juni aus Udde Soldaten zu Hilfe geschickt hatte, die sich ihnen von Stunde zu Stunde näherten. Aber, fragten wir uns, wußten auch sie es? Hatten sie die Gewißheit, daß die Befreiung nahe war? Welche Angst und welche Pein konnte nicht dieser Zweifel ihren physischen Leiden hinzufügen? Man ist tapfer, wenn man keine Sorgen hat. Wer konnte sie aber von ihren Sorgen befreien? Was würde ich darum geben, wenn ich ihnen auch nur ein Wort durch jene Drähte zukommen lassen könnte, die wenige Meter über ihren Köpfen hinliefen und die Tausende meiner Worte einer Zeitung überbrachten. Wir waren daher sehr erfreut, als wir am folgenden Tage von Udde die Mitteilung erhielten: „Spyker wohlbehalten angelangt.“
Der 22. Juni wurde von uns der Erwiderung der Besuche gewidmet. Wir begaben uns in die Festung, in der der tatarische General seine Autorität verschanzt hatte, und tranken einige Tassen Tee in Gegenwart des erlauchten Kriegers, der Gala angelegt hatte und von seinem Generalstabe von federbuschgeschmückten Mongolen umgeben war. Der Gouverneur empfing uns in seinem Amtsgebäude und bat den Fürsten um eine große Gunst. Wir erwarteten von einem echten Mandarinen, vom Generalgouverneur der Mongolei, nicht eine Bitte, wie er sie äußerte. Sie stellte alle Anschauungen, die wir uns von China gebildet hatten, alle weitverbreiteten Ansichten über das Mandarinentum auf den Kopf; sie war die Rehabilitation des Wai-wu-pu; sie eröffnete der Zukunft des Himmlischen Reiches neue Horizonte. Seine Exzellenz baten — das Automobil einmal benutzen zu dürfen!
Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem Gefolge begleitet.
„Von Herzen gern!“ rief Fürst Borghese mit Begeisterung. „Und wohin?“
Es war gleichgültig wohin. Der Gouverneur wollte nur im Automobil fahren, eine Rundfahrt durch die Straßen von Urga machen. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube, es kam ihm vor allem darauf an, sich auf dem Zauberwagen sehen zu lassen. Dies konnte seinem Ansehen zugute kommen.
Das Automobil stand vor dem Tore. Der Mandarin in seiner Prachtkleidung, mit den übermäßig langen Ärmeln aus Seide, die seine Hände bedeckten, auf dem mit zwei Pfauenfedern geschmückten Hute den Korallenknopf, das Abzeichen des höchsten Grades, unternahm erst einen Inspektionsgang rund um die Maschine, dann stieg er auf, während der Fürst das Steuerrad ergriff und Ettore sich auf den Tritt setzte. Die Nachricht von der Fahrt hatte sich verbreitet. Leute liefen herbei. Alle mongolischen Offiziere und die Soldaten mit den Knebelbärten betrachteten voller Entsetzen ihren Vorgesetzten, uns aber mit einem gewissen Mißtrauen.
Die „Itala“ fuhr ab. Sie beschrieb einen weiten Bogen vor dem Fu, dem Amtsgebäude, um über eine kleine Brücke zu kommen, und eilte dann auf und davon. Der Gouverneur der Mongolei hatte sich fest an die Seitenlehnen des Sitzes angeklammert, schien aber entzückt zu sein. Sein Zopf pendelte in dem scharfen Luftzuge lustig hin und her. Die Leute des Gefolges hatten vielleicht den Eindruck, man wolle ihren Herrn entführen, denn sie stürzten auf ihre an die Palissadenwand gebundenen Pferde, sprangen in den Sattel und jagten mit lautem Geschrei hinter der Maschine her. Ihnen schloß sich an, wer ein Pferd zur Hand hatte, und Pferde gibt es hier überall. Von allen Seiten her erschienen Reiter: Lamas, Soldaten, Steppenbewohner. Sie kamen zu spät, das Automobil war verschwunden; aber sie kehrten ebensowenig um wie die andern Berittenen, sondern spornten die Tiere durch lautes Schreien an. Nur wenigen, besser berittenen Offizieren gelang es jedoch, in der Nähe des Wagens zu bleiben. Wie bei einer großen Jagd folgte die unbeschreibliche Reiterschar, das „wilde Heer“, in gestrecktem Galopp. Sie verschwand in dem Staube und ergoß sich unter Lärmen und Tosen in die Straßen. Viele Pferde trugen zwei Reiter. Fröhliches Geschrei erscholl ringsum; der Ritt war nur ein Spiel, aber der Auftritt hatte ganz den Anschein eines Ausbruchs der Volkswut. Es war, als sei Urga von einem siegreichen Barbarenheere überschwemmt, eine Vision aus vergangenen Zeiten, der die Palissadenwerke einen kriegerischen Hintergrund verliehen. Man hätte sagen können, die Vergangenheit verfolge wütend jenes kleine Ding, das ohne Pferde davonraste.
Der Gouverneur wollte bis zur Russisch-Chinesischen Bank fahren, von wo ihn seine Sänfte wieder nach Hause zurückbringen sollte. Die Spazierfahrt hatte übrigens eine unerwartete politische Folge. Am Abend schickte der lebende Buddha zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er uns erst in einigen Tagen zu wissen tun werde, ob er uns die Freude, ihn zu sehen, gewähren würde oder nicht.
„Aber wie ist das möglich!“ riefen wir, „er hatte doch so dringendes Verlangen nach uns.“