Wir hatten einen Grund, der uns zur Abreise trieb: der Übergang über den Irofluß, etwa 60 Kilometer südlich von Kiachta. Der Iro ist nur in Zeiten der Trockenheit zu durchwaten; es genügt ein Regen, um ihn in ein unüberwindliches Hindernis zu verwandeln. Auf dem Iro liegt ein Fährboot, aber nicht an der Straße, die wir benutzen mußten. Ein russischer Kaufmann, der von Kiachta kam, teilte uns mit, daß die Tiefe des Wassers jetzt ungefähr 120 Zentimeter betrage; es war dies sehr viel für ein Automobil, und es war nicht wünschenswert, daß die Tiefe noch zunähme. Unter diesen Umständen erschien uns der Übergang als eine schwere Aufgabe. Das Wetter drohte jetzt schlecht zu werden. Die Wolken, die uns den Tag zuvor solche Freude bereitet hatten, nahmen übermäßig zu. Der Fürst entschied sich zur Abfahrt am folgenden Morgen, 23. Juni. Die „de Dion-Bouton“ blieben noch einen Tag in Urga, die „Itala“ wollte einen ganzen Tag in Kiachta warten.

Am Abend waren sämtliche Privaträume der Russisch-Chinesischen Bank festlich erleuchtet. Die große, im Speisesaal angerichtete Tafel, überflutet von dem Lichte der Armleuchter, trat feierlich in Tätigkeit. Das Komitee hatte in einer vollzählig besuchten Versammlung beschlossen, uns ein Galadiner zu geben. Wir hätten darauf geschworen, weit von der Hauptstadt der Mongolei zu sein und die Grenzen Europas schon wieder überschritten zu haben, hätte nicht die Anwesenheit der chinesischen Boys, die bei Tische bedienten, uns jeden Augenblick an den Ort, wo wir uns befanden, erinnert. Die Unterhaltung, die französisch, russisch und deutsch geführt wurde, schwirrte durcheinander und erzeugte ein angenehmes babylonisches Sprachengewirr, wie es bei Banketten üblich ist, bei denen die Menschen, die da sprechen, stets in erdrückender Mehrheit denen gegenüber sind, die zuhören. Ich gehörte zur Minderheit. Ich hörte meiner Nachbarin, der Gattin des Stabsarztes, zu, die mir ihre Reise von Kiachta nach Urga beschrieb und mit den Worten schloß:

„Ich weiß nicht, wie Sie es mit Ihrem Automobil anstellen werden, um durchzukommen.“

„Wir haben aber doch die Wüste Gobi durchquert!“

„Ich kenne die Gobi nicht, Gott sei Dank, aber ich wiederhole Ihnen, daß der Weg nach Kiachta der schaudervollste ist, den ich in meinem Leben angetroffen habe, und ich bin in der Mandschurei gewesen! Denken Sie, vier volle Stunden, vier Stunden im Sumpfe steckengeblieben, ohne den eingesunkenen Tarantaß freibekommen zu können, dabei die Aussicht, den Weg zu Fuß fortsetzen zu müssen. Ich habe Ihnen diese Episode bereits geschildert. Wir waren noch 10 Kilometer von Urga entfernt, und es war das viertemal, daß wir versanken ...“

„War das Wetter schlecht?“

„Es war ausgezeichnet, wie jetzt. Sie werden sich mit Ihren eigenen Augen davon überzeugen, wie fürchterlich diese Straße ist.“

„Hoffen wir das Gegenteil, gnädige Frau!“

Ich lächelte überlegen. Die Erzählung dieser schrecklichen Reiseabenteuer ließ mich völlig kühl. Die weibliche Empfindsamkeit führt mitunter zu unbewußter Übertreibung. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie sehr meine Tischnachbarin recht hatte! Ich hätte in jenem Augenblick nie geglaubt, daß die Straße zwischen Urga und Kiachta in uns Sehnsucht nach der Wüste erwecken würde und daß wir wenige Stunden nach dieser Unterredung für die Sicherheit unserer Maschine zittern mußten!