Wir verließen die Bank bei Tagesanbruch mit aller Vorsicht, um niemand in dieser zum Schlummern so süßen Stunde zu stören. In der Tat machten wir den Eindruck, als hätten wir den Geldschrank geraubt und schlichen uns auf Strümpfen davon. Wie alle russischen Banken, so schien auch die von Urga einen Handstreich der revolutionären „Expropriateure“ zu befürchten; denn zur Nachtzeit wurde sie von außen durch die Kosaken des Konsulats bewacht. Diese wackeren Burschen betrachteten uns bei der Abfahrt mit augenscheinlicher Unsicherheit; es schien, als wüßten sie nicht, sollten sie uns grüßen oder Alarm schlagen. Sie entschieden sich für den Gruß. Wir fuhren der Mongolenstadt zu, von der aus der Weg nach Kiachta abbiegt.

Es war nicht leicht, den Weg zu finden. Es fehlte uns jetzt die Telegraphenlinie, jener bequeme Ariadnefaden, der uns 1200 Kilometer weit geleitet hatte, und die mongolischen Frühaufsteher, denen wir begegneten, nahmen Reißaus, sobald wir das Automobil zum Stehen brachten, um sie zu fragen. Zum Glück hatten wir uns auf der Bank mit einem Beutel kleiner russischer Münzen versehen, und dadurch, daß wir ein silbernes Zwanzigkopekenstück zeigten, gelang es uns wie durch Zaubermacht, die Flucht der Ausreißer zu hemmen. Der Fürst konnte sich mit seinem Russisch, ich mit meinem Chinesisch etwas verständlich machen, und so fragte er nach dem Wege nach Kiachta, ich nach dem nach Maimatschen. Wir wandten uns nach Norden, ließen Urga hinter uns und gelangten in ein weites, grünes Tal auf undeutlich erkennbaren Pfaden, die launenhaft zwischen Grasbüscheln durcheinanderliefen und zuweilen ganz verschwanden.

Noch waren wir nicht eine Viertelstunde unterwegs, als das Automobil plötzlich stillstand und sich ganz nach links neigte.

Der Motor fuhr fort zu arbeiten und hämmerte stürmisch, indem er zugleich unter heftigem Getöse Wolken weißen, beizenden Rauches ausstieß; es war, als ahne er eine Gefahr und biete mit entschlossener Anstrengung all seine gewaltige Kraft auf, um sich loszumachen. Aber wir saßen fest. Als wir uns vorneigten, bemerkten wir, daß die linken Räder in den Boden eingesunken waren. Das Hinterrad fuhr fort, sich wirbelnd zu drehen, als versuche es, aus der Vertiefung mit verzweifelter Geschwindigkeit herauszukommen. Es lag etwas wie Erbitterung in jener wütenden Kraftanstrengung der großen Maschine.

„Halt, halt!“ rief Ettore, als er bemerkte, daß der Umschwung des Rades den Morast aushöhlte. „Wir sinken tiefer!“

Der Motor schwieg, und einige Minuten lang betrachteten wir schweigend die Lage des Automobils und überlegten, auf welche Weise wir es freibekommen könnten. Es war nach links dermaßen eingesunken, daß die Achsen der Räder und der Benzinbehälter den Boden berührten. Was war zu tun? Wie sollten wir drei ein Gewicht von 2000 Kilo heben und an eine andere Stelle schaffen? Wir versuchten, den Motor wiederum in Bewegung zu setzen und ihn dadurch zu unterstützen, daß wir mit aller unserer Kraft das Automobil schoben. Vergebliches Beginnen! Es würden dazu vielleicht nicht einmal alle Kulis, die wir in Kalgan zurückgelassen hatten, ausgereicht haben.

Vor allem war es dringend notwendig, den eingesunkenen Teil zu heben, weil das Automobil dadurch, daß es sich ganz auf die Seite legte, die rechte Feder und das rechte Hinterrad übermäßig belastete, so daß die Gefahr drohte, die eine oder das andere könnte brechen. Ettore machte sich mit den Winden an die Arbeit, aber diese versanken in dem weichen Erdreich. Um sie zu stützen, gehörten Bretter dazu. Wir entnahmen diese dem Boden der Karosserie; die Bretter krachten, zerbrachen und versanken.

Da kam uns eine Idee: die ganze Strecke um die Räder und unter dem Automobil auszugraben, um auf diese Weise eine schiefe Ebene herzustellen, auf der sich die Maschine mit ihrer eigenen Kraft leicht herausarbeiten könnte. Unverdrossen machten wir uns mit gewaltigen Spatenstichen an die Arbeit, wobei wir uns ablösten, sobald einer müde war.

Nach einigen Minuten fieberhafter, schweigender Tätigkeit bemerkten wir mit Entsetzen, daß wir unserer Maschine das Grab schaufelten. Je mehr wir den Raum um die Räder breiter machten, desto mehr sanken sie ein. Es war der seitliche Druck des Erdbodens, der sie stützte und den wir wegnahmen, kein fester Grund. Es gab überhaupt keinen Grund. Der Morast wurde in der Tiefe weicher und flüssiger. Das Ganze war ein Teich voll Morast mit einer einigermaßen festen Decke, und diese Decke hatten die beiden Räder eingedrückt: dies war die Lage der Dinge!