Mongolinnen vom Iro.
Inzwischen hatte sich das Rad der höherliegenden Seite dermaßen gesenkt, daß es an die Karosserie anstieß und alle Augenblicke ein drohendes Knirschen hören ließ. Ich bat die Gattin des Stabsarztes, deren Erzählung ich mit solchem Skeptizismus aufgenommen hatte, im stillen um Verzeihung. Wir mußten uns dicht an der Stelle befinden, an der ihr Tarantaß steckengeblieben war, und ein Tarantaß wiegt nicht den zehnten Teil eines Automobils.
Wir sagten uns, daß Urga in der Nähe sei, wenig mehr als eine Stunde Weges entfernt, daß wir in drei Stunden mit einer Schar von Menschen, mit einer Ladung von Brettern und Balken, mit Pferden zurück sein könnten... Aber wir konnten uns nicht dazu entschließen, Hilfe zu holen. Es handelte sich um eine Frage des Ehrgeizes, eine ehrenhafte Schwäche. Wir stellten uns vor, wie einer von uns, zu Fuß, ermattet, beschmutzt nach der Bank zurückkehrte, wir stellten uns das Erstaunen unserer Gastfreunde vor, die Erzählung des Unglücksfalls und das Eingeständnis unserer Ohnmacht, die großmütigen Anerbietungen von Hilfe, die Menschen, welche kamen, um das besiegte Automobil zu sehen — dasselbe Automobil, das mit solch rasender Geschwindigkeit durch die Straßen von Urga gefahren war! — Wir stellten uns all dies vor und wir glaubten uns damit einer unbeschreiblichen Demütigung auszusetzen. Nein, nein, wir mußten aus unserer fatalen Lage mit Mitteln herauskommen, die wir an Ort und Stelle fanden. Ein Kapitän, dessen Schiff auf eine Klippe aufgelaufen ist, tut alles mögliche, um es freizubekommen, ehe er das Notsignal hißt. Wir empfanden diese Art Stolz.
„Wenn wir nur Balken hätten!“ riefen wir aus, indem wir uns umsahen, als könnten die Balken aus dem Erdboden herauswachsen.
„O, unsere Schutzbretter!“
In diesem Augenblicke zog eine von Mongolen geführte Karawane von Ochsenwagen, die nach Urga wollte, in der Entfernung von wenigen hundert Metern an uns vorüber. Sie hatte sich langsam genähert, ohne daß wir, von unserer fruchtlosen Arbeit ganz in Anspruch genommen, darauf geachtet hätten. Kaum aber bemerkten wir sie, so verstanden wir uns, ohne ein Wort zu äußern, und stürzten im Sturmschritt auf jene lange Wagenreihe. Die Wagen waren mit Balken beladen! Es waren dünne Kiefernstämme, ohne Zweifel bestimmt zum Bau der traditionellen Palissadenwände der heiligen Stadt.
Einige Münzen überzeugten die Mongolen von unserer ehrlichen Absicht. Das übrige hatten sie zweifellos verstanden, weil sie derlei Unfälle aus Erfahrung kannten. Wir luden uns jeder einen Balken auf die Schulter, die Mongolen taten dasselbe, und im Trabe ging es zum Automobil zurück. Indem wir probierten und wieder probierten, die Stämme in allen möglichen und erdenkbaren Arten verwandten, gelang es uns, ein System von Hebeln ausfindig zu machen, das imstande war, uns bei dieser und bei allen andern zukünftigen Gelegenheiten Rettung zu verschaffen.
Das System war höchst einfach. Man stelle sich einen zweiarmigen Hebel vor, dessen am äußersten Ende gelegener Stützpunkt einem andern ebenfalls zweiarmigen Hebel als Unterlage dient, welcher seinerseits auf den Rand des eingesunkenen Rades wirkt. Sind die Balken von gehöriger Länge, so genügt die Kraft zweier Männer, um ein Automobil zu heben, und verfügt man über die Hilfe von vier bis fünf Personen, so reicht ein einziger Hebel aus, um zum Ziele zu gelangen. In demselben Maße, wie wir die Maschine unter der freiwilligen Mitarbeit jener wackeren Karawanenführer wieder aufrichteten, füllten wir den von den Rädern gewühlten Hohlraum mit Steinen aus, die wir aus einem nahen Graben holten. Das Automobil drückte vermöge seines Gewichts bei jedem Nachlassen der Arbeit die Steine in den Morast hinein, aber es waren deren so viele, daß schließlich eine feste Grundlage, ein förmliches Mauerwerk entstand.
Nach zweieinhalb Stunden angestrengter Tätigkeit hatten wir alle vier Räder auf das Niveau des Bodens gehoben. Es blieb uns nur noch übrig, die Maschine rückwärts von dem unsicheren Gelände wegzuziehen. Wir holten die Seile hervor, die wir fest an das Chassis banden, und begannen im Verein mit den Mongolen mit aller Kraft zu ziehen; aber es gelang uns nicht, den schweren Wagen auch nur um eines Zolles Breite von der Stelle zu rücken, da er zwischen den Steinen und dem Erdreich eingekeilt war. Den Motor in Bewegung zu setzen, wagten wir nicht, da wir befürchteten, er könne durch seinen plötzlichen Antrieb ein neues Einsinken herbeiführen.