Warum machte er keinen Versuch? Wenn er doch einsah, daß das Unternehmen unmöglich war, warum entfernte er sich nicht mit seinen Wagen, statt in unserer Nähe lagern zu bleiben? Warum ließ er, als er das Lager aufzuschlagen befahl, die Pferde angespannt, als wollte er das Weite suchen? Der Verdacht drängte sich mir auf, daß jene Burjaten etwas im Schilde führten, was uns nicht sonderlich angenehm sein würde. Wir saßen fest, das wußten sie; wir konnten nicht die Flucht ergreifen. War die Forderung von 50 Rubel gestellt worden, um sich zu überzeugen, ob wir Geld, viel Geld hätten, und um unseren Reichtum nach unserer Freigebigkeit zu schätzen? Sie waren in so großer Anzahl, und wir waren nur unser drei. Die mongolischen Steppen bieten Straffreiheit und Asyl. Auf ihnen herrschen keine Gesetze als die der Überlieferung und der Gewalt.

Die versunkene „Itala“ wird von der Karosserie befreit und an Ochsen befestigt, um von diesen aus dem Sumpfe gezogen zu werden.

Die Mongolen, die um uns herumstanden, hatten eins begriffen: daß wir Geld anboten, wenn man uns Hilfe leistete. Das Wort „Rubel“ hat einen Kurs, der viel weiter reicht als der der Münze. Nun machten sie sich sofort an die Arbeit, indem sie versuchten, das Automobil mit der Kraft ihrer Arme herauszuziehen. Wir fühlten uns durch diese guten Absichten wie neubelebt. Es waren Balken nötig. Ich weiß nicht, welche unüberwindliche Beredsamkeit wir in unsere Gebärden legten; Tatsache ist, daß wir imstande waren, durch eine wunderbare Mimik Balken zu beschreiben. Und wir fanden volles Verständnis dafür. Drei von unseren neuen Freunden sprangen in den Sattel und sprengten in Karriere davon, um nach einer halben Stunde wieder zu erscheinen und einige an ihren Sätteln befestigte lange, dünne Balken hinter sich her zu schleppen. Wir hätten sie umarmen mögen!

Jetzt ging es mit Begeisterung an die Arbeit. Um die Maschine noch mehr zu entlasten, nahmen wir die Karosserie ab, die wir mit Hilfe der Mongolen auf den Rasen niederlegten. Aus den Balken stellten wir unsere einfache Hebevorrichtung her. Wir mußten vorsichtig zu Werke gehen, weil das Gelände unter dem Gewicht der Hebel nachzugeben drohte und die Balken, die schon etwas gar zu alt waren, krachten, so daß wir fürchteten, sie würden brechen. Aber das Automobil hob sich doch allmählich wieder; unter die Räder legten wir große Holzscheite, die mit Hilfe einer Axt von einem Balken abgehauen worden waren. Es war eine langsame, geduldheischende Arbeit. Drei Stunden vergingen, ehe wir die Maschine so weit hatten, daß sie aus der tiefen Höhlung herausgezogen werden konnte. Wir befestigten die Seile an dem hinteren Teil des Gestelles und versuchten mit vereinten Kräften zu ziehen. Aber alle Mühe war vergebens.

Ochsen, waren Ochsen da? Nachdem wir durch die Gebärdensprache Balken beschrieben hatten, war es uns ein leichtes, Ochsen zu verlangen. Es wurde eine Herde herbeigeholt, die einige Kilometer von uns weidete. Die Länge der Seile gestattete aber nicht, die vier Ochsen zugleich anzuspannen. Die armen Tiere zogen und zogen, aber es gelang ihnen ebensowenig als uns, das Automobil zu bewegen. Wir sahen jedoch ein, daß, wenn die vier Ochsen gleichzeitig eine Kraftanstrengung machen könnten, sie Erfolg haben würden. Angetrieben zogen sie nur einer nach dem andern. Wie sollten wir die Ochsen von dem Vorteile gemeinsamen Zusammenwirkens überzeugen? Da kam uns eine geniale Idee: setzen wir den Motor in Bewegung!

Der Erfolg war vollständig. Bei dem unvermuteten Getöse stemmten die vier erschreckten Ochsen ihre Füße genau gleichzeitig ein und senkten brüllend die dicken gehörnten Köpfe in so entschlossener Fluchtbewegung, daß das Automobil schwankte! Ettore, der auf die Maschine gestiegen war, drückte das Pedal des Akzelerators herunter, der Lärm wurde betäubend und ging in ein fürchterliches Heulen über. Die vier Tiere zitterten vor Schreck und zogen mit verzweifelter Kraftanstrengung an — mit einem Male bewegte sich die Maschine mit einem Ruck aus dem Loche! Es war ein Augenblick größter Freude!

Die Karosserie wurde in wenigen Minuten wieder an Ort und Stelle gebracht, das Gepäck, die Ersatzreifen, die Vorräte und die Werkzeuge mit fröhlicher Geschäftigkeit wieder aufgeladen. Eine halbe Stunde später waren wir zur Abfahrt bereit. Die Mongolen erhielten in freigebiger Weise eine große Menge Rubel und begrüßten diese Gabe mit Ausrufen der Begeisterung und mit Gebärden überströmender Freundschaft.

Jetzt näherte sich auch der Burjatenführer und streckte ebenfalls seine Hand aus. Der Fürst sagte lächelnd zu ihm: