Er forderte unsere Pässe, um sie zu prüfen. Dann teilte er uns mit, daß die Zollverwaltung den Befehl erhalten habe, uns zollfrei passieren zu lassen, und überreichte uns, nachdem wir eine regelrechte Empfangsbescheinigung ausgestellt hatten, einige Schriftstücke, die von Petersburg gekommen waren und die ebenso viele Beweise des wohlwollendsten amtlichen Schutzes darstellten. Die russische Regierung hatte, als die Fahrt Peking–Paris projektiert worden war, durch das Ministerium des Auswärtigen es abgelehnt, die Verantwortung für die persönliche Sicherheit der Reisenden zu übernehmen, namentlich während ihrer Fahrt durch Sibirien. Wir waren daher angenehm überrascht, als wir in Kiachta ein amtliches Schreiben des Ministers des Innern erhielten, eine Podoroschnaja, einen Reisepaß, der alle Behörden ersuchte, uns im Notfalle Hilfe zu leisten, nebst einem Schreiben des Generaldirektors der Reichspolizei, das uns des väterlichen Schutzes aller Polizeiämter versicherte, und drei besonderen Erlaubnisscheinen, kraft deren es einem jeden von uns gestattet war, zwei Revolver bei sich zu führen.

Nachdem die Überreichung vor sich gegangen war, lachte der Kommissar, rieb sich die Hände und nahm die freundliche Miene eines liebenswürdigen Privatmannes an.

Er erzählte uns die letzten Neuigkeiten aus der Welt, um uns auf dem Laufenden zu erhalten: die Duma war aufgelöst worden; in Petersburg herrschte Ordnung; in Südfrankreich war Revolution; in der Nähe von Neapel hatte sich ein Automobilunglück zugetragen. Dann ließ er Champagner bringen und stieß mit uns auf den Erfolg unserer Fahrt an. Auch begleitete er uns persönlich nach dem Zollamte und stellte uns vielen Beamten, Herrn Sinitzin, dem Agenten der Russisch-Chinesischen Bank, und den angesehensten Persönlichkeiten der Stadt vor. Kurz, er war ein gefälliger und liebenswürdiger Führer.

Auf dem Zollamte mußten wir eine Erklärung unterzeichnen, in der wir, Fürst Borghese und ich, uns solidarisch verpflichteten, das Automobil über die Grenzen des Reiches zu bringen. Es war dies unser sehnlichster Wunsch, der hier protokolliert und zum Gegenstande einer feierlichen Amtshandlung gemacht wurde.

An der Maschine wurde eine Tafel mit einer Zahl — Nummer 1 — angebracht, und dieselbe Zahl wurde auf die Scheiben der Laternen gemalt. Dann wurden wir für frei erklärt. Herr Sinitzin lud uns in sein Haus ein, ein großes Holzhaus, in dem sich auch die Geschäftsräume der Russisch-Chinesischen Bank befinden. Nie werden wir den patriarchalischen, liebevollen Empfang vergessen, der uns hier zuteil wurde.

Das alte Haus war in voller Aufregung; es zitterte und knirschte vom Boden bis zum Keller unter den eiligen Schritten der barfüßigen Mägde, die in die charakteristischen traditionellen Trachten Sibiriens gekleidet waren; die Herdfeuer brannten beständig, weil die Tafel immer gedeckt blieb. Es kamen Schüsseln auf den Tisch, die homerischer Gastmähler würdig gewesen wären; riesige Rinderbraten, große gesottene Fische, Lammviertel, dampfende Borschtsuppe in Terrinen, die so groß waren wie Fischteiche, Berge von Kaviar, von Stör, von Lachs, von Eiern, von Pirowski, und Flaschen, gefüllt mit jederlei Art Wein und jederlei Art Likör, köstliche Früchte, die eigens aus Italien bezogen waren. In der Mitte des Ganzen summte ein riesiger Samowar wie eine zufriedene Katze. Was uns aber noch mehr zusagte, das war die ungeheuchelte, aufrichtige Herzensgüte, die Zuvorkommenheit, die Liebenswürdigkeit, von der wir umgeben waren. Wir empfanden in allem die Sympathie, die man uns entgegenbrachte, die Freundlichkeit, die Vertraulichkeit, das beständige Bestreben, uns vergessen zu lassen, daß wir Fremde und fern von der Heimat seien. Unsere Neigungen, unser Geschmack wurden studiert, und oft kam man ihnen zuvor. Ein beständiges Lächeln belebte aller Blicke. Die gute Frau Sinitzin, die in ihrer Unermüdlichkeit mitunter ihre Staatstoilette ablegte, um sich den üblichen Pflichten der Hausfrau zu widmen, war unaufhörlich um uns besorgt. Sie verschwendete an Fremde die Schätze ihres mütterlichen Empfindens, weil sie an die Schwelle des Greisenalters gelangt war, ohne Mutter gewesen zu sein. Sie hatte Falia, ein Burjatenmädchen, als Tochter angenommen, und dieses, einem wilden Stamme entsprossene Kind erheiterte ihr die Einsamkeit des Lebens. Falia brachte uns Blumen, und wenn sie uns nachdenklich und ernst sah, kam sie zu uns und lächelte uns an.

Fortwährend kamen neue Gäste zu Tische. Die Freunde betraten das Zimmer, nahmen nach kurzer Begrüßung Platz und verkehrten in der Familie mit einer Vertraulichkeit, die auf langjährigen Umgang schließen ließ. Man begreift, daß bei diesen Leuten alle Türen und Tore offenstehen; sie sprachen in einem Tone ernster, ruhiger Freundschaft, aus dem man ersehen konnte, daß auch die Tore des Herzens geöffnet waren. Viele der Erschienenen waren Teehändler; auch unser Gastfreund Sinitzin gehörte dazu. Alle diese einfachen und bescheidenen Männer von ungeschlachtem Körperbau, mit bärtigen Gesichtern und dem sanften Blick des russischen Muschik, die in Blusen aus sibirischer Seide gekleidet waren und riesige Stiefel an den Füßen hatten, waren Millionäre. Der Teehandel hatte sie reich gemacht.

Kiachta ist ein Städtchen von Millionären. In den kleinen, mit lebhaften Farben bemalten Holzhäusern, die sich längs der aus Brettern hergestellten Fußsteige hinziehen und durch ländliche Höfe voller Telegas und Schlitten voneinander getrennt sind, führen Familien, die einen Palast in Moskau oder Petersburg besitzen könnten, ein Leben wie Verbannte. Der Tee geht fast gar nicht mehr durch Kiachta; die Quelle ihres Reichtums ist seit etlichen Jahren versiegt, aber sie bleiben. Sie harren aus in dem Lande, das ihnen Wohlstand gebracht hat, sie bleiben in der Nähe ihrer alten prächtigen Kathedrale, die mehr Schätze birgt als alle Kirchen Sibiriens zusammengenommen. Die Liebe zu dem Orte hält sie hier zurück, die Unbekanntschaft mit dem Luxus, die Gewohnheit und auch die unbestimmte Hoffnung, daß die uralte Wüstenstraße sich wiederum mit Karawanen bevölkern, daß die kleine, jetzt so stille Stadt wieder zu geschäftigem Lärm erwachen werde.