War es möglich, daß wir der Mongolei noch so nahe waren, daß Maimatschen mit seiner Menge blaugekleideter Chinesen vom Jang-tse-kiang nur wenige Kilometer zurücklag? Die brennenden Wüsten, die weiten Steppen, auf denen Kamele und Antilopen in Freiheit leben, erschienen uns wie ein Traum. Der Wechsel war so plötzlich, daß er auf uns wie eine Gewalttat wirkte. Alles war verändert, die Landschaft, die Bevölkerung, das Klima. Wir fühlten uns wie durch einen Zauberschlag aus Asien heraus versetzt. Es war Rußland, das dasselbe ist an der Selenga wie am Dnjepr, an der Wolga wie an der Newa, Rußland, das sich innerhalb seiner Grenzen gleichbleibt, das weder asiatisch noch europäisch ist, das sich ebenso stark von China wie von Frankreich unterscheidet! Zar Alexander II. sagte, wenn ich mich recht entsinne, Rußland umfasse ein Sechstel der Erdoberfläche, und das ist wahr. Die wunderbare Gleichförmigkeit des Reiches macht es zu einem in der Welt allein dastehenden Staatsgebilde.

Der Wechsel entzückte uns. Wir fanden uns unvermutet in einer Umgebung, die der Heimat ähnlicher war.

Als wir aus den Wäldern herauskamen, erblickten wir Felder, umzäunt von rohen, aus jungen Kiefernstämmen hergestellten Gehegen, die erste Eigentumsteilung, das erste Anzeichen der Besitzergreifung des Landes, das wir nach Tausenden von Kilometern antrafen. Zwischen den Feldern standen schwarze, uralte Bauernhäuser. Der Regen verwischte die Farben in der Ferne, indem er einen dünnen Nebel über die Felder breitete, und ließ die Farben in der Nähe schärfer hervortreten; die vom Regen gebadeten Pflanzen erhielten eine unbeschreibliche Lebensfrische. Auch diese Wirkungen des Regens gefielen uns, die intensive Färbung, die Dunstschleier, an die unser Auge nicht mehr gewöhnt war; wir fanden bekannte Landschaftsbilder wieder. Wir begegneten Telegas; sie wurden von Muschiks in roter Bluse und Pelzmütze gelenkt, einige hatten an den Beinkleidern lange gelbe Streifen und trugen Militärmützen, es waren ausgediente Kosaken. Jeden Augenblick kamen Tarantasse vorüber, Lederkähnen auf vier Rädern ähnlich, die dauerhaftesten, aber auch unbequemsten Fuhrwerke der Welt, in denen man auf Stroh ausgestreckt liegt; gezogen wurden sie von alten Schindmähren, die von burjatischen Kutschern mit weitausholenden Peitschenhieben angetrieben wurden. Aller Augenblicke erschien eine Gruppe rohgebauter kleiner Häuschen neben der Straße; an dem größten war ein Wappen mit dem Doppeladler angebracht: es war ein Postamt. Da sauste der Postwagen, niedrig wie ein Schlitten, nach Art der Troika bespannt, im Galopp eine Anhöhe hinauf. Er kam von Ust-Kiachta. Die in ihre Mäntel gehüllten Reisenden, mit Pelzmützen bis über die Ohren, streckten neugierig die Köpfe heraus, um uns zu betrachten.

Die Straße war augenscheinlich von unseren Freunden in Kiachta fürchterlich verleumdet worden. Sie hatten uns so viel Schlechtes von ihr gesagt, daß wir sie schließlich beinahe vorzüglich fanden. Sie hatten einstimmig erklärt, sie sei schlimmer als die Straße nach Urga. Im Grunde war dies ganz natürlich; sie kannten ja die Straße nach Urga nicht, wohl aber die nach Werchne-Udinsk, und man ist leicht geneigt, von dem, was man kennt, Übles zu reden; was man nicht kennt, ist besser.

Wir fuhren über morastige Ebenen, gelangten glücklich über nicht immer leichte Aufstiege und nicht immer bequeme Abhänge, aber nirgends war etwas von Bogs oder von jenen so lebhaft geschilderten Abgründen zu entdecken. Ruhig und ohne Unterbrechungen fuhren wir unsere 20 Kilometer in der Stunde. Um 7 Uhr befanden wir uns in Ust-Kiachta an der Selenga. Wenige vom Wetter gebräunte Bauernhütten, eine kleine Kirche, eine lange schmutzige Straße. Und auf der Straße ein eleganter Polizeibeamter, die Brust mit Ehrenzeichen geschmückt, in einer Uniform von blendendem Weiß; er erwartete uns. Zwischen den Häusern erblickten wir das Wasser des Flusses.

„Wie kann ich Ihnen nützlich sein?“ fragte er höflich und grüßte, während das Automobil neben ihm hielt.

„Ist es möglich, die Straße nach Werchne-Udinsk zu verfehlen?“ fragte der Fürst.

„Nein,“ erwiderte der Beamte; „Sie brauchen nur der Telegraphenlinie zu folgen. Aber in Nowi-Selenginsk, etwa 65 Kilometer von hier, müssen Sie den Telegraphen verlassen und den Weg nach links einschlagen, um über die Selenga zu kommen; der Telegraph läuft am Ufer weiter.“

„Danke. Und ist eine gute Barke zum Übersetzen vorhanden?“

„Ja, aber ich fürchte, sie ist für das Automobil zu klein.“