„Ah, aber dies ist unmöglich! Du lieber Himmel, das sind ja Lebensmittel und Wein für ein ganzes Regiment! Nein, nein! Die Maschine ist schon zu sehr belastet. Und bei dem Morast, den wir antreffen werden! Es ist unmöglich, gnädige Frau!“
Ein aufrichtiger und dabei komischer Schmerz malte sich bei dieser Ablehnung auf dem Gesicht der gütigen Dame. Sie faltete die Hände und betrachtete uns schweigend. Dann bemerkte sie schüchtern, besorgt, uns allzusehr zu widersprechen:
„Sie wollen nichts mitnehmen? Auf eine so lange Reise? Wenigstens ein bisschen!“
Um sie nicht zu kränken, nahmen wir zwei Hühner und zwei Flaschen Wein, die Frau Sinitzin kopfschüttelnd in ein Säckchen steckte, als wollte sie sagen: „Sie kommen um vor Hunger und Durst, die Ärmsten!“
Es regnete fort und fort. Im Hofe stand das Automobil. Wir nahmen herzlichen Abschied von unseren Gastfreunden, die mit bloßem Kopfe vor der Haustür standen und uns glückliche Reise wünschten, und fuhren ab. Noch auf der Straße vernahmen wir ihre Stimmen, und sahen, als wir uns umwandten, wie sie uns ein letztes Lebewohl zuwinkten. Mit traurigem Gefühl dachten wir daran, daß wir höchstwahrscheinlich jene selbstlosen, herzensguten Freunde nie wiedersehen würden.
Kiachta schlief noch in der bleichen, kühlen Morgenfrühe. Wenige Minuten später kamen wir durch das benachbarte Troizkossawsk mit seinem kleinen grasbewachsenen Friedhof, der übersät war mit Kreuzen und Grabsteinen, die vom Regen abgewaschen waren. Ein Birkenhain lag im Mittelpunkte der Stadt, große Kasernen am äußersten Ende des bewohnten Teils, und großartige Schulen — Privatschulen, die von dem Reichtum des Ortes Zeugnis ablegten — erhoben sich neben den kleinen, weiß und blau gestrichenen Holzhäusern längs der ungepflasterten, schmutzigen Hauptstraße. Mancher Fensterladen öffnete sich, und heraus schauten verschlafene Frauengesichter mit ungeordneten Haaren und starrten uns verständnislos nach. Ein frühaufstehender Krämer war eben dabei, seinen Laden zu öffnen; er unterbrach seine Beschäftigung, als er uns kommen sah, und fuhr erschreckt in die offenstehende Tür zurück, wie um sich zu verstecken. Die an den Wegkreuzungen wachestehenden Gendarmen grüßten militärisch. An den kleinen Fluß mit steilen, grasbewachsenen Ufern, der die Stadt durchschneidet und auf dem sich im Winter die Knaben von Troizkossawsk und Kiachta mit Schlittschuhlaufen vergnügen, führten einige Kosaken ihre Pferde, die sich bei unserer Vorbeifahrt erschreckt bäumten, zur Tränke. Eine vom Exerzieren zurückkehrende Truppe in ihren schweren, grauen Mänteln marschierte wieder in die Kaserne, bis zu den Knien mit Schmutz bespritzt. Die Soldaten machten halt und traten aus Reih und Glied, um uns besser sehen zu können, wobei die Bajonette über ihren Köpfen hin und her schwankten.
Auf dem Wege durch ein sibirisches Dorf.
Kaum waren wir außerhalb der Stadt, als uns die Straße, die mit einem Male zu einem schmalen Fußpfade geworden war, durch schweigende, dunkle Tannen- und Birkenwälder führte, in denen wir nichts hörten als das unaufhörliche laute Herniederrauschen des Regens. Wir zitterten vor Kälte in unseren triefenden Regenmänteln, in deren Falten das Wasser herunterrann.