Die Fährleute tauchten die Ruder ins Wasser und begannen kräftig zu rudern; hinter ihnen lehnte sich der Alte, eine kurze Pfeife zwischen den Zähnen, gegen das Steuer. Bei einer Wendung des Flusses sahen wir mit einem Male ein Dampfboot auftauchen.

Ein Ausruf des Staunens und der Befriedigung entfloh unseren Lippen. Mit liebevoller Bewunderung betrachteten wir das kleine alte Schifflein, das in der Richtung auf Ust-Kiachta stromaufwärts fuhr, mühsam durch den hohen Schornstein atmend, getrieben von einem großen Schaufelrade am Heck, das ihm das Aussehen einer fahrenden Wassermühle verlieh. Es war das erste Dampfboot, das wir nach so langer Zeit wiedersahen. Wir begrüßten in ihm einen bescheidenen Pionier der Zivilisation, einen vorgeschobenen Posten der gewaltigen Kraft, die die Weltteile erobert, einen Freund, den wir um Hilfe hätten bitten können. Es stellte für uns eine Verbindung mit dem Westen dar, dem wir entgegenfuhren. Seine Sirene heulte, um uns aufzufordern, ihm den Weg freizugeben, und diese Stimme hallte seltsam wider in dem von der Kultur abgeschnittenen Tale. Der Dampfer entfernte sich langsam, und wir betraten, geschaukelt von den Wogen, die er hinter sich erregt hatte, das andere Ufer des Flusses.

Einer der Fährleute zeigte uns den Weg; in der Nähe des Flusses lagen Sümpfe. Wir kamen mit leichter Mühe an ihnen vorbei und fuhren dann durch Nowi-Selenginsk, ein Dorf, das etwas größer war als die übrigen, eine Schule, eine Apotheke und mehrere kleine Läden mit verstaubten Fenstern besitzt. Beinahe unbemerkt passierten wir es auf seiner breiten, öden, grasbewachsenen Straße, und erst später, als wir wieder in die Ebene einmündeten, verbreitete sich die Nachricht unserer Durchfahrt von Haus zu Haus. Wir hörten hinter uns erregte Stimmen einander zurufen und Antwort geben, Fensterflügel heftig aufreißen, und sahen, wie Leute eiligst aus den Häusern stürzten, auf der Straße stehenblieben und uns nachblickten, während wir verschwanden. Wir überstiegen eine Reihe kahler Hügel, die noch frei von der Herrschaft der Menschen sind, und ließen die Selenga ostwärts liegen. Eine weite ruhige Wasserfläche bot sich in einem Tale unseren Blicken dar: es war der Hussin-See. Nicht ein einziges Dorf lag an seinen Ufern. Kein Nachen hat ihn je durchfurcht; es sind aber die letzten Jahre seines einsamen Schlummers. Die slawische Einwanderung nähert sich ihm langsam.

Nur selten trafen wir Postämter an, die sich stets zwischen zwei Hügel geflüchtet hatten, als fürchteten sie allein zu sein. Aber bald stiegen wir in ein Tal hinab, das von einem neuen Volke in Besitz genommen worden ist. Auf einer Strecke von 95 Kilometern, bis nach Werchne-Udinsk, durchquerten wir einen aufblühenden Landstrich. Die ganze Gegend an der unteren Selenga ist grün von neuen Ansiedelungen und Weiden, voll von Schaf- und Rinderherden, übersät mit Dörfern, erobert von der Arbeit des Menschen. Vor sieben Jahren war sie nur von einigen Burjatenfamilien bewohnt. Die Eisenbahn ist es, die dieses Wunder bewirkt hat. Die Ausbeutung Sibiriens hat begonnen.

Wenige Gegenden selbst des europäischen Rußlands zeigen sich so bevölkert und reich wie jenes abgelegene Tal Transbaikaliens, das vor nicht langer Zeit von Moskau eine Jahresreise entfernt war. Jetzt dauert die Reise 15 Tage. In diesem Unterschiede liegt das Geheimnis dieser wunderbaren Umwandlung. Die Entfernungen schwinden. Die unermeßlichen jungfräulichen Länder des slawischen Asiens haben sich dem Volke genähert, sich seinen arbeitsgewohnten Armen dargeboten. Die Eisenbahn sät Spannkräfte; auf fruchtbare Triften pflanzt sie die Arbeit. Massen von Landleuten ziehen dort hinaus, um sich eine neue Heimat zu gründen. Ganz Sibirien erwacht zum Leben. Fast unbekannte Landstriche, die nichts weiter waren als geographische Namen, werden allmählich zu Reichen, die sich dem Russischen Reiche angliedern werden.

Wir fuhren durch ganz neue Dörfer in der frischen Farbe des Holzes, die noch den Duft des Harzes der erst vor kurzem im Walde gefällten Stämme ausströmten. Die zuletzt angekommenen Landleute waren noch mit dem Bau ihrer Häuser beschäftigt und arbeiteten eifrig, um sie beim Eintritt der ersten Kälte fertig zu haben. Auch fern von der Straße, im Tale und auf den Abhängen der Hügel verstreut, bemerkten wir mitten im Grünen andere kleine Orte, aus denen sich die schlanken Kirchtürme erhoben.

Man arbeitete auf den Feldern. Es begegneten uns mit Heu beladene Telegas. Herden von Pferden und Rindern weideten selbst im Innern der Dörfer. Wir aber brachten unter diesen Herden eine Verwirrung ohnegleichen hervor: Pferde und Rinder scheuten und flüchteten vor dem Automobil; die Kinder, deren Spiele die Straße heiter belebten, liefen erschreckt in die Häuser zurück; die Frauen, barfuß, ein rotes Tuch um den Kopf geschlungen, beeilten sich, Hühner, Gänse und Schweine, ihre sämtlichen lebenden Schätze, in Sicherheit zu bringen; sie nahmen sich nicht die Zeit, nachzusehen, welche Gefahr ihnen eigentlich drohte. Es war ein Durcheinander von Geschrei und Flügelschlagen, von Gewieher und Hundegebell — kurz der Lärm eines aus seiner Ruhe aufgestörten Dorfes. Nur die Männer blieben unbeweglich und schweigsam. Verblüfft von der seltsamen, flüchtigen Erscheinung, unterbrachen sie ihre Arbeit und grüßten uns ehrfurchtsvoll, indem sie ihr blondes langhaariges Haupt entblößten und sich verbeugten. Sie verstanden nichts von jener unbekannten Macht, aber sie demütigten sich vor ihr. Wer mächtig ist, kann schaden; ihn zu grüßen, ist ein Zeichen, daß man sich mit ihm verbündet erklärt.

An manchen Punkten gewann die Landschaft ein malerisches Aussehen. Bald unterbrachen kleine von Fischerbooten durchfurchte Teiche mit ihren buchtenreichen Ufern die Ebenen der Felder und bildeten in der weiten Ebene glänzende himmelblaue Flächen; bald schlängelten sich klare Wasserläufe, beschattet von grauen Weidenbäumen, in ruhigen mäandrischen Windungen dahin und drehten die Räder einsamer Mühlen. Auf dieser Straße stießen wir noch auf Spuren Asiens, die letzten Anzeichen seines Rückzuges vor der weißen Einwanderung, auf Obos wie in der Wüste.

Sibirische Fähre.