Es waren keine mongolischen, sondern burjatische Obos. Der Unterschied ist verschwindend. Der Burjate ist nur ein zur Hälfte russifizierter Mongole. Er spricht russisch, kleidet sich wie ein Muschik, trägt eine mongolische Mütze und mongolische Stiefel, bewohnt eine Isba, glaubt an Buddha, ist dem Zar ergeben, raucht aus einer chinesischen Pfeife und trinkt Wodka: das ist der Burjate. Der Hauptunterschied zwischen ihm und seinem Bruder in der Wüste besteht darin, daß er ab und zu den Boden bearbeitet, der Mongole aber nie. Der Burjate hat in der Tat den ersten Schritt zur Zivilisation getan: er ist ansässig geworden. Der Nomade wird immer Barbar bleiben. Die Zivilisation beginnt erst dann, wenn sich das Zelt in ein Haus verwandelt. Und wir sahen zwischen den vielen slawischen Dörfern auch burjatische. Auf ihren Holzhäuschen wehten kleine weiße Fahnen, vielleicht jene Gebetsfahnen, die bei ihrem Hin- und Herflattern die auf ihnen enthaltenen Gebete der Luft anvertrauen. Auch auf den Obos waren die heiligen Flaggen gehißt, und oft erhob sich mitten auf ihnen ein Baum, dessen Zweige mit Papierbändern geschmückt waren, die sich im Winde bewegten. Etwa 50 Kilometer von Werchne-Udinsk bemerkten wir zu unserer Rechten in weiter Ferne ein Lamakloster: eine Gruppe von Gebäuden mit chinesischen Dächern, die grün angestrichen waren wie die der orthodoxen Kirchen. Werchne-Udinsk ist der Mittelpunkt, die Hauptstadt des zerstreut wohnenden Burjatenvolkes, wie Kasan der Mittelpunkt der Tataren ist. Die Nähe der Stadt wurde uns vor allem dadurch angekündigt, daß wir zahlreichen Burjaten begegneten, die zu Pferd vom Markte heimkehrten; sie waren in Gruppen vereinigt, um sich im Notfalle besser verteidigen zu können. Sie grüßten uns nicht.

Um 6 Uhr abends gelangten wir auf den Gipfel eines Hügels. Der Umkreis des bergigen Horizontes tat sich vor unseren Blicken auf, und unser Auge schweifte über das weite Tal der Uda. In der blauen, verschleierten Tiefe der Ferne ahnten wir den Lauf der Uda, die nach Osten strömt, um sich mit der Selenga zu vereinigen und sich mit ihr in den nahen Baikalsee zu ergießen. Am Fuße der entfernteren, mit dichten Wäldern bestandenen und daher dunkleren Höhen bemerkten wir einen undeutlichen weißen Schimmer von Gebäuden, aus denen sich die dünnen Linien der Türme und spitzen Giebel erhoben: es war Werchne-Udinsk, welche Stadt an dem Zusammenfluß beider Ströme gegründet worden ist. Wir betrachteten sie lange, bevor wir in die Ebene hinunterstiegen und sie aus dem Gesicht verloren, und dachten dabei an die Wichtigkeit, die sie für uns hatte.

Werchne-Udinsk war nicht nur eine Etappe; es war das Ende eines langen Reiseabschnitts. Es war ein Wendepunkt. Von Peking an hatten wir eine nordwestliche Richtung eingeschlagen, und Europa lag westlich von uns. Die ganze zurückgelegte Strecke hatte uns unserem Ziele nur sehr wenig nähergebracht. In Werchne-Udinsk würden wir endlich auf einmal unser Gesicht dem Westen zukehren. Von hier aus begann die geradlinige Fahrt auf den Sonnenuntergang zu, der uns den Weg der Rückkehr in einer wahren Glorie von Licht erscheinen ließ.

Die Straße wurde schlecht. Wir sanken in tiefe Löcher ein und mußten durch Moräste hindurch. Wir durchquerten Wassertümpel, die wir erst mit den Füßen sondieren mußten, um uns von der Festigkeit des Grundes zu überzeugen. Wir wußten, daß wir auch über die Selenga auf einer Fähre übersetzen mußten, und suchten den richtigen Weg nach dem Übergangsort mitten in einem Gewirr von Pfaden, die von tiefen Radspuren herrührten. Die Ebene war sumpfig, unbebaut, bewachsen mit Zwergweiden, Binsen, der ganzen Vegetation der Sümpfe. Kleine Flüsse durchzogen sie in Schlangenwindungen; wir überschritten diese auf Holzbrücken, die aussahen, als seien sie vor vielen Jahren provisorisch angelegt und dann vergessen worden. Wir waren mit der Überwindung all dieser kleinen Schwierigkeiten beschäftigt, als ein langes, schrilles, lautes Pfeifen an unser Ohr klang, das wir sofort erkannten, und das uns freudestrahlend das Gesicht sofort nach der Richtung wenden ließ, aus der es ertönt war.

„Der Zug!“ riefen wir aus. „Der Zug!“

Wir erkannten deutlich die Linie der transsibirischen Eisenbahn jenseits der Selenga mit den roten Häuschen der Bahnwärter und den Telegraphenstangen, die am Fuße kiefernbedeckter Hügel entlang lief.

Zwischen den Bäumen schwebte ein weißes Rauchwölkchen hin und verlor sich in dem Kiefernwalde, begleitet von lautem, unaufhörlich wachsendem Dröhnen. Rasch brauste der Zug heran. Der Sieger, der Triumphator, der Eroberer Asiens fuhr vorüber! Er eilte auf Irkutsk, in der Richtung auf Europa zu. Er verband uns mit Europa. Ich weiß nicht, wie stark auf uns die Reise, das langandauernde Gefühl der Einsamkeit und der Abgeschlossenheit wirkten, Tatsache ist, daß der einfache und so gewöhnliche Anblick eines Eisenbahnzuges uns als etwas Neues und voll tiefer, unsagbarer Bedeutung erschien. Und in einem Ausbruche der Begeisterung begrüßten wir ihn mit einem stürmischen „Evviva!“

Einbooten.

Die Fähre, die uns bald darauf von dem linken Ufer der Selenga auf das rechte übersetzte, war ganz verschieden von der, die wir am Morgen benutzt hatten. Sie bestand aus einer Plattform, die groß wie ein Tanzsaal war; sie beförderte ein Dutzend Telegas samt ihren Pferden auf einmal hinüber und würde mit Leichtigkeit auch eine Lokomotive getragen haben. Sie wurde durch die Kraft der Strömung selbst in Bewegung gesetzt. Wir fanden sie damit beschäftigt, die Wagen überzusetzen, die vom Markte in Werchne-Udinsk zurückkehrten, und die sich auf dem rechten Ufer angesammelt hatten, geduldig wartend, bis die Reihe an sie kam. Es war spielend leicht für unsere Maschine, sich einzuschiffen, die Fähre zu verlassen, in rascher Fahrt die steile Uferböschung hinaufzufahren und bald darauf in der Stadt einzutreffen, die sich zwischen der Uda und Selenga ausdehnt. Über und über weißglänzend bietet sie ein lebhaftes, malerisches Bild von jenem orientalischen Anstrich, den fast alle russischen Städte infolge der großen Zahl von Kuppeln auf den Kirchen und der spitzen, den Minaretts gleichenden Glockentürme haben.