An den Ufern des Baikalsees.
Längs der Selenga. — Ein widerspenstiger Aufstieg. — Im Sumpf. — Der verödete Weg. — Die Bolschaja Rjeka. — Myssowaja. — Nutzloser Versuch. — In Erwartung einer Antwort. — Eine außergewöhnliche Vollmacht.
Am 27. Juni um 4 Uhr früh befanden wir uns von neuem auf der großen Fähre der Selenga, um auf das linke Ufer des Flusses zurückzukehren, längs dessen sich die zum Baikalsee führende Straße in Schlangenwindungen hinzieht. Diesmal fanden wir die Fähre im Begriffe, eine Menge Wagen, die vom Felde kamen, nach Werchne-Udinsk überzusetzen. Es war die Szene vom Abend zuvor, nur umgekehrt. Schon auf der Hälfte des Weges zum Flusse riefen wir den Muschiks und den Burjaten zu, sie möchten ihre Pferde gut festhalten. Wir hatten schon die unversöhnliche Abneigung der sibirischen Pferde gegen das Automobil kennen gelernt. Die Begegnung mit einem Löwen hätte bei den frommen Pferden der Landleute kein größeres Entsetzen hervorbringen können. Die armen angespannten Tiere machten verzweifelte Anstrengungen, von der Telega loszukommen; sie gingen mit heftigen Kopfbewegungen rückwärts, erhoben sich vor Furcht wiehernd auf die Hinterbeine, warfen sich heftig auf die Seite, drehten sich um und befanden sich schließlich, fast immer schnaubend und zitternd, die Schnauze gegen die Telega gepreßt, in einer für die Flucht wenig günstigen Stellung — ohne daß dabei die verwunderten Landleute auch nur einen Finger gerührt hätten, um es zu hindern. Sie hatten nur Augen für uns; sie starrten uns offenen Mundes an, grüßten häufig und ließen ihre Pferde Pferde sein. Daher warnten wir sie schon von weitem: „Haltet die Pferde! Gebt acht auf die Pferde!“
Es herrschte eine Kälte fast wie im Winter. Die Muschiks und die Burjaten hatten ihre Pelzarmiaks und die Fausthandschuhe angezogen. In der feuchten Luft dampfte der Atem der Pferde. Wir überschritten wieder die Brücken vom vorigen Abend und wandten uns dann nach Westen zu. Wir begegneten niemand mehr. Der Schmutz war klebrig, und obgleich wir langsam fuhren, glitt das Automobil doch jeden Augenblick mit den Hinterrädern seitwärts, stellte sich quer, unempfindlich gegen das Steuer, und nahm einen Gang an wie ein Pferd bei der Volte. So oft wir konnten, schoben wir die Maschine auf den Rasen, wo die Räder etwas mehr griffen, und bahnten uns einen Weg durch das Heideland. Nach einer Stunde hatten wir große Lust, umzukehren. Wir befanden uns vor einer niedrigen Anhöhe, die wir sonst, ohne es zu merken, hinaufgefahren wären, die sich jetzt aber als unersteiglich erwies.
Dieser Art von Hindernissen gegenüber erfaßte uns die Wut. Wir hätten einen Fluß, einen Berg, einen Abgrund, irgendein anderes nennenswertes Hindernis vorgezogen. Aber nein; es waren 100 Schritte Wegs, die ganz harmlos aussahen. Die Strecke war von einem glitschigen Schmutze bedeckt, auf dem selbst der Schritt des Fußgängers unsicher ist und der Fuß dahinschleicht mit unwiderstehlicher Neigung, rückwärts statt vorwärts zu gehen. Die Räder machten es wie der Fuß. Sie drehten sich im Leeren. „Fahren wir etwas zurück!“ sagten wir uns.
Wir kehrten um. Mit einem Schwunge stürzte sich die Maschine zum Angriff, blieb aber am Fuße der Anhöhe stehen, wich schleifend, trotz angezogener Bremsen, zurück, drehte sich im Kreise herum, wandte sich zur Seite und machte zuweilen kehrt wie ein furchtsames Pferd. Wir versuchten es mit langsamer Fahrt, indem der Fürst und ich schoben und Ettore steuerte. Wir hatten Stücke Holz gefunden, die wir als Keile unter die Räder legten, und versuchten, Zentimeter um Zentimeter weiterzukommen. Aber an einem bestimmten Punkte glitt das Automobil wieder zurück und riß uns und die Keile mit. Hundertmal hatten wir begonnen, bald im Zickzack, bald in gerader Richtung. Der Motor arbeitete, ließ wahre Schätze von Benzin in Rauch aufgehen, erhitzte sich und schien ebenfalls gereizter Stimmung zu sein. Es gab am Fuße der Anhöhe tatsächlich keinen Fußbreit Weges mehr, der nicht von den Rädern zerwühlt worden wäre; er sah aus wie gepflügt.
„Und wenn man bedenkt,“ riefen wir aus, den Himmel betrachtend, in der Hoffnung, ein Anzeichen des Aufklarens zu entdecken, „wenn man bedenkt, daß eine halbe Stunde Sonnenschein diesen Weg ausgezeichnet machen würde!“
Die Sonne schien all das Schlechte, das wir ihr in der Wüste nachgesagt hatten, übelgenommen zu haben. Es regnete unaufhörlich. Da kam uns ein Gedanke: die Straße mit Baumzweigen zu bedecken. Wir machten uns daran, junge Kiefern abzuschneiden, die nassen Äste herbeizuschleppen und auf den Boden zu legen. Das Automobil nahm einen Anlauf, gelangte mit zwei stürmischen Radumdrehungen auf die Zweige und warf sie zurück wie ein Hund, der die Erde mit den Hinterfüßen wegscharrt; nachdem es das Werk unserer Hände zerstört hatte, blieb es befriedigt stehen und kehrte murrend ruckweise zurück. Wir hatten all unsere Hilfsmittel erschöpft. Was nun? Nach Werchne-Udinsk zurückkehren und auf besseres Wetter warten? An Ort und Stelle kampieren? Auf die Suche nach Muschiks gehen und sie um Hilfe bitten? Wir erörterten all diese Pläne, als der Fürst einen andern in Vorschlag brachte: zuzusehen, ob es nicht möglich sei, den Übergang an einer andern Stelle auszuführen.
Links von dem Pfade befand sich dichtes Gebüsch, undurchdringliches Pflanzengewirr, zur Rechten lag etwas höher als die Straße eine kleine Wiese, und jenseit der Wiese eine Schlucht, in deren Grunde die Selenga dahinfloß. Vom Fuße der Anhöhe konnte man auf die Wiese gelangen und sie auf dem Gipfel wieder verlassen. Die Wiese senkte sich nach der Seite der Schlucht zu. Ettore führte die Maschine rasch dorthin. In der Nähe des Gipfels sahen wir sie jedoch ihren Lauf verlangsamen und sich unversehens nach rechts, nach der Schlucht zu wenden.
„Links, links!“ schrie der Fürst in schrecklicher Aufregung.