Noch einen andern Wärter möchte ich erwähnen, dessen Haltung uns einen Augenblick zum Lachen reizte, aber nur einen Augenblick. Es war ein junger Mann mit einem kleinen blonden Bärtchen. Er lief herzu, um mit dienstfertiger, aber unsicherer, zaudernder Bewegung zu öffnen. Als er das Getöse des nahenden Motors hörte, öffnete er rasch die Schranke, gleichsam in Furcht, er könne nicht rechtzeitig damit zustandekommen. Dann sprang er mit einem verzweifelten Satze zur Seite und drückte sich gegen den Pfosten der offenen Schranke, den er mit beiden Armen umklammert hielt, um dem unbekannten, drohenden Ungetüm den ganzen Platz freizulassen. Als wir dem Manne ins Gesicht sahen, bemerkten wir, daß er blind war. Seine weißen, glanzlosen Augen waren in instinktivem angstvollem Suchen weitgeöffnet auf uns gerichtet; auf seinem abgemagerten Gesichte malte sich das Entsetzen. Er hatte gefühlt, daß etwas Schnelles, Übermächtiges, Geheimnisvolles in seiner Nähe vorüberkam, ihn aus seiner langen, grausigen, endlosen Nacht aufstörte. Wir aber empfanden Gewissensbisse über diese tragische Furcht.
Die Dörfer sahen wohlhabend aus. Die Isbas waren fast alle neu und groß. Es fehlte uns auch nicht an der gewohnten Avantgarde davongaloppierender Rinderherden, die uns in ihrem stürmischen Laufe mit Kot bespritzten. Aber wir hatten uns mit dem Straßenschmutze schon befreundet. Die Räder wühlten ihn auf und schleuderten ihn in Klumpen auf uns. Die Luft erfüllte ein Morastregen. Wir und das Automobil waren von oben bis unten damit bedeckt; wir hatten jeden Versuch aufgegeben, uns das Gesicht abzuwischen, und fügten uns darein, eine Erdkruste als Maske zu tragen. Wir glichen Statuen aus Ton, die man zu entwerfen begonnen hatte! Unter dieser Hülle hatte unsere ernste, gelangweilte Miene etwas Komisches an sich. Wir waren aber in jenem Augenblicke wenig geneigt, dies zu würdigen und Geschmack daran zu finden. Wir sagten, wenn wir uns betrachteten: „Wir sind Clowns!“ in demselben ernsten Tone, in dem wir sagten: „Es ist kalt!“
Es war in der Tat kalt. Es wehte ein Wind, der uns eisig durchschauerte. Ich saß auf dem Trittbrette, und auf meinen Beinen sammelte sich so viel Schmutz, daß diese in riesige, unförmliche Dinger verwandelt wurden, die sich als sehr schwer fühlbar machten, wenn ich absteigen mußte, um die Schranken zu öffnen. Unter dieser Kruste nasser Erde fühlte ich mich doppelt kalt. Aber zu meinem Troste wiederholte ich mir, daß wir uns im Sommer befänden! Glücklicherweise hörte in den ersten Stunden des Nachmittags der Regen auf. Ein Ostwind zerteilte die Wolken; ab und zu kam ein Stück blauer Himmel und ein Stück Sonne zum Vorschein, die uns sofort erwärmte; der Schmutz trocknete, und wir fühlten Wohlbehagen, als ob wir mit der lauen Luft eine Herzstärkung eingesogen hätten. Wir waren fern von jeder menschlichen Wohnung, mitten in endlosen Wäldern, auf einer malerischen, grasbewachsenen Straße.
Straße im sibirischen Urwald.
Nach dem Bau der Eisenbahn verödeten jene Strecken der alten sibirischen Straße, die durch unbewohnte Gegenden führten, und die nicht dem Kleinverkehr zwischen den einzelnen Dörfern dienten. Die Natur eroberte sich die Straße schrittweise zurück und nimmt den Raum, der ihr von den Menschen geraubt worden ist, wieder in Besitz; von den Rändern aus rücken neue Pflanzen vor, breiten das junge Grün ihrer Sprossen aus, neigen ihre Zweige, die vom Gewicht des Schnees gebeugt oder abgebrochen sind, über die alte Straße, werfen ihre abgestorbenen Stämme auf sie, zertrümmern die verfaulten Pfähle, werfen die alten Einfriedigungen um und dringen von allen Seiten vor. Wir müssen jeden Augenblick den Kopf beugen, um nicht von den Zweigen getroffen zu werden. Zuerst hatte das Gras von dem Gelände Besitz ergriffen. Die Straße fing an zuzuwachsen wie eine ungeheuere, der Erde zugefügte Wunde, die unter einer Blütendecke heilt. Wir fuhren durch lauter Blumen; Büsche von Anemonen, Goldköpfchen, Ranunkeln, Primeln, Erdbeerblüten — Farben und Düfte tauchten in wunderbarer Pracht aus dem Schatten jener Bäume auf. Der sibirische Frühling nahte mit stürmischer Eile, wie um sich für die lange Verzögerung zu entschädigen, die ihm die Eismassen auferlegt haben.
Wir genossen den stillen Triumph der Pflanzen, schwelgten in dem wilden Zauber jener Gegenden, in denen sich keine Spur menschlicher Arbeit zeigte, die nicht uralt gewesen wäre. An manchen Stellen hatten Wasserläufe sich beim Tauen des Schnees gebildet, die Straße überschwemmt, sie zerstört, aufgewühlt, Steine und heruntergefallene Äste darauf gewälzt. Sie hatten das alte, ihnen von den Menschen gegrabene Bett verlassen und sich der Tyrannei der Gräben und Brücken entzogen. Die aus den Fugen gegangenen morschen Brücken erbebten und ächzten unter der Last des Automobils. Noch hatten wir nicht gelernt, sie zu fürchten.
Mitten im Walde stießen wir wieder auf die Eisenbahn, die wir vor einigen Stunden verlassen hatten. Zwischen den Bäumen erblickten wir ein Tal, hörten das Rauschen eines Wassers, und auf dem Gipfel einer niedrigen Anhöhe bot sich eine Brücke unseren Augen dar. In diesem Augenblicke hörten wir eine Stimme rufen:
„Halt, ihr Männer, halt!“
Ein Bahnwärter machte uns Zeichen. Als er uns halten sah, rief er: