Der Pristaf, der Chef der Polizei, ein Mann mit einem übermäßig dicken Bauche und einem übermäßig dichten Barte, erschien feierlich in Uniform, um uns zu besuchen. Er sah unsere Pässe nach und unterzog uns einem kleinen Verhör, um die geheimnisvollen Gründe zu erfahren, warum wir nicht wie alle reichen Leute im Zuge fuhren. Dabei goß er sich ein Glas von unserem Tee ein und blieb sitzen, uns schweigend beobachtend. Dann erschien ein Gendarmerieleutnant; dieser fragte uns höflich aus, schenkte sich ein Glas Tee ein und leistete uns Gesellschaft. Nach ihm kamen der Telegraphendirektor und andere Leute mit und ohne Uniform; das Zimmer füllte sich; wir waren der Mittelpunkt einer Gesellschaft, die sich in Permanenz erklären zu wollen schien.
Die Wahrheit war, daß in Myssowaja unsere Art zu reisen den Behörden revolutionär erschienen war. Als wir vor dem Hause des Starosten eintrafen, hatten sich einige Leute versammelt, Gendarmen kamen angelaufen, und wir hörten sie zwei, drei Personen, die sie bei Namen nannten, auffordern: „Ihr macht sofort, daß ihr nach Hause kommt!“, worauf die so angeredeten Personen gesenkten Hauptes wegschlichen. Es handelte sich anscheinend um politische Verbannte, von denen die Gendarmen fürchteten, daß sie mit uns in Beziehungen treten könnten. Aber wir besaßen ein zauberkräftiges Dokument: das Schreiben des Generalpolizeidirektors des Kaiserreiches! Es brachte eine ungeheuere Wirkung hervor. Aller Verdacht verschwand wie durch Zauberschlag, und wir gewannen sofort die größte und unverdienteste Hochachtung der Behörden. Wir nutzten diesen Umstand aus, um Auskunft über die Straße zu erbitten, die um den Baikal herum geradeswegs nach Irkutsk führt. Man lächelte über den Plan, Irkutsk auf diesem Wege zu erreichen.
Auf dem Programm der Fahrt Peking–Paris war der Übergang über den Baikalsee zu Schiff vorausgesehen. Es war richtig, so wurden die Flüsse überschritten, und der Baikalsee macht eher den Eindruck einer riesigen, den Weg versperrenden Wasserader als den eines Sees. Da aber ein Weg um den See herum existierte, so wollten wir ihn einschlagen. Die Auskünfte lauteten jedoch sehr schlecht. Bereits in Werchne-Udinsk hatte man uns gesagt, daß die Brücken über die hauptsächlichsten Flüsse eingestürzt und die übrigen im Begriff seien, einzustürzen. In Myssowaja wiederholte man dasselbe. Alle aber kannten die Dinge nur vom Hörensagen; niemand hatte diese Straße seit zehn Jahren mit eigenen Augen gesehen. Wir wollten das Unternehmen jedoch nicht aufgeben, ohne es versucht zu haben.
In Myssowaja.
Ich muß gestehen, daß der Übergang über den Iro und über die Bolschaja Rjeka uns betreffs der Flüsse ein übergroßes Selbstvertrauen eingeflößt hatte. Wir glaubten nicht, daß die kleinen Flüsse im Süden des Baikalsees so bedeutend seien, daß sie nicht an einem erreichbaren Punkte ihres Laufes durchschritten werden könnten. Wir beschlossen also, am nächsten Tage auf diese hydrographische Entdeckungsreise auszuziehen. Die Maschine war in ausgezeichneter Verfassung — seit unserer Abfahrt aus Peking hatten wir nur einen einzigen Pneumatik am linken Hinterrade zu erneuern gehabt —, wir besaßen Brenn- und Schmiermaterial für 1000 Kilometer, Lebensmittel auf drei Tage; wir konnten uns daher in völlig unbewohnte Gegenden wagen.
Wir schliefen auf der Erde; denn wenn der Starost auch ein Zimmer hatte, so hatte er doch keine Betten — Betten sind in Sibirien ein Luxusartikel, da man hier im Winter auf dem warmen Ofen und im Sommer auf dem Fußboden schläft —, und am nächsten Morgen, 28. Juni, brachen wir nach einem herzlichen Abschiede von unserem Gastfreunde auf.
Wir sollten nur allzubald wieder zurückkommen!
Der Morgen war klar und kalt, wie er einem schönen Februarmorgen bei uns entspricht. Der See, der ruhig, ohne einen Wogenschlag, ohne ein Wellenkräuseln dalag, hatte die Durchsichtigkeit der Luft; er schien zu atmen. Nur der Baikalsee besitzt an sonnigen Tagen den Anschein ätherischer Leichtigkeit, eine vom Himmel zurückgestrahlte zarte Heiterkeit, die zu der grenzenlosen Ausdehnung den Eindruck unendlicher, leuchtender Tiefe hinzufügt. Das mit Wald bestandene Ufer streckte kleine Halbinseln mit üppigem Pflanzenwuchs in den See hinein; das Wasser warf ihr Spiegelbild zurück und ließ sie doppelt und schwebend erscheinen. Scharen von großen weißen Möwen schwammen auf dem See umher und machten seine Oberfläche dadurch kenntlich, daß sie sich von ihr abhoben. Unser Bewundern war von kurzer Dauer. Der Weg nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und wir vergaßen bald den Zauber der Landschaft.
Die Straße war nicht nur verödet, sie war auch zerstört. Wir überstiegen steile Anhöhen, die die Wut des Wassers während der Schneeschmelze zerrissen, ausgewaschen und ausgehöhlt hatte. Es ging bergauf und bergab über richtige Stufen. Wir kamen über manche abschüssige Stellen nur hinweg, indem wir die Maschine einen raschen Anlauf nehmen ließen. Die Maschine schnaubte und stöhnte, sprang bei den Unebenheiten des Bodens in die Höhe und erhob sich beim ersten Ruck, den die Räder erhielten, als wollte sie sich in die Lüfte schwingen. Mitunter blieb sie kraftlos stehen, wenn sie schon beinahe bis zum Gipfel gelangt war, und mußte zurückgehen, um einen neuen, längeren und anhaltenderen Anlauf zu nehmen.