An andern Stellen war der Weg mit Gras bedeckt, mit wildem Gebüsch bewachsen, voll umgestürzter Baumstämme und vertrockneter Äste, die durch irgendwelche Überschwemmung hier abgelagert worden waren. An manchen Stellen in der Nähe des Ufers haben die auf dem Baikal wütenden Stürme die Palissaden abgeschlagen, das Land weggeschwemmt, und so einen Teil der Straße zum Einstürzen gebracht. Wir fuhren vorsichtig auf dem schmalen Straßenrande weiter, wobei wir den ruhig und durchsichtig daliegenden See unter uns betrachteten.
Die früheren Poststationen waren unbewohnt, halb zerstört, mit eingestürzten oder dem Einsturz nahen Dächern, herausgerissenen Türpfosten, grasbewachsenen Zimmern. Es sah aus, als ob die Stationen nach einem Kriege, nach einer Plünderung vergessen worden seien. Eine unbeschreibliche Verwüstung herrscht auf der alten sibirischen Hauptstraße, die zu verschwinden droht, nachdem sie die russische Herrschaft bis zum Stillen Ozean getragen hat. Sie ist schon tot und verwest jetzt. Wir sahen nicht mehr als eine letzte Spur dieser alten Erobererstraße. Wir fuhren in dem ausgetrockneten Bette eines Stromes der Menschheit und des Reichtums dahin. Jene Straße hat das Heer Murawjew-Amurskijs vorüberziehen sehen, der Rußland im fernen Osten die schönste Revanche für den Krimkrieg verschaffte, sie hat die Züge der Auswanderer und Deportierten, allen Schmerz und alle Kühnheit gesehen, die in 50 Jahren ein Volk zwischen dem See und dem Meere geschaffen haben, sie hat Millionen Gold aus den Minen von Blagowjeschtschensk und Millionen Silber aus den Minen von Nertschinsk auf von berittenen Kosaken begleiteten Wagen vorüberziehen sehen! Auf dieser Arterie, die einer Welt das Leben gegeben hat, mußten wir uns jeden Augenblick den Weg mit Axt und Spaten bahnen.
Die Geländer der Brücken waren umgefallen; niemand hatte sie herausgerissen, sie lagen da, umgestürzt von dem Gewicht des Schnees und der Gewalt der Stürme. Von den Brücken selbst hätte man sagen können, daß sie nur aus alter Gewohnheit noch hielten. Wir setzten zuviel Vertrauen auf diese Gewohnheit. Bei dem Überschreiten der ersten waren wir vorsichtig; später dachten wir nicht mehr daran. Wir waren überzeugt, daß sie viel stärker waren, als es den Anschein hatte. Manche Brücke erzitterte und knarrte, ohne daß dies jedoch Folgen gehabt hätte. Wir suchten den gebrochenen Brettern auszuweichen; die andern senkten sich und schwankten auf und nieder, trugen uns aber. Ein einziges Mal bemerkten wir auf einer kleinen Brücke einen Sprung; das Automobil zauderte einen Augenblick und hielt plötzlich, dann aber machte es einen Satz vorwärts auf festen Boden, während einige Bretter hinunterstürzten; auf der Brückenbahn öffnete sich, kaum daß wir darüber weg waren, ein klaffender Spalt.
Nach drei Stunden gelangten wir an die erste der drei berüchtigten eingestürzten Brücken, die über den Mischikafluß führten. Der Fluß war breit und reißend. Die Gipfel der Anhöhen ringsherum zeigten noch weiße Schneestreifen. Wir fanden längs des Ufers einen Pfad, der sich in der Richtung auf die Mündung des Flusses zu senkte. Wir folgten ihm und gelangten zu einer kleinen Gruppe von Häusern. Dort trafen wir einen Holzfäller, der im Grase saß und damit beschäftigt war, ein gewaltiges Paar Stiefel anzuziehen.
„Guten Tag!“ sagte er, ohne daß es schien, als ob die Ankunft eines Automobils auf ihn Eindruck machte.
„Guten Tag. Wo ist die Furt?“
„Es gibt keine Furt, Väterchen. Die Mischika ist tiefer, als ich groß bin.“
„Wie machst du es denn, wenn du hinüber willst?“
„Ich benutze diese Barke hier.“
Wir blickten nach der Richtung, in der der Mann zeigte, und gewahrten eine Art Kahn, der an einen am Ufer wachsenden Strauch gebunden und dessen Boden mit Wasser bedeckt war.