Am 30. Juni früh 4½ Uhr verließen wir bei strahlend heiterem, aber kaltem Wetter Myssowaja zum zweiten Male und schlugen wiederum den am 28. zurückgelegten Weg ein. Wir nahmen zwei lange, uns vom Starosten überlassene Bretter mit, die wir auf dem Gepäck festbanden. Wir sahen voraus, daß wir sie brauchen würden, um auf unserer Fahrt zwischen den Schienen über die Weichen in der Nähe der Stationen hinwegzukommen.
Der Gedanke, mit dem Automobil auf einer Eisenbahnstrecke zu fahren, erschien uns so abenteuerlich, daß wir die Ausführbarkeit bezweifelten. Der Gedanke hatte sich unserem Geiste zuerst als die natürlichste Sache von der Welt dargestellt; als wir aber näher darüber nachdachten, fanden wir ihn schließlich widersinnig. Am Tage zuvor war die einzige Schwierigkeit das Ausbleiben der Erlaubnis gewesen; jetzt, da wir den seltsamen Plan ausführen wollten, sahen wir eine Menge Schwierigkeiten. Würden die Räder zwischen den Schwellen nicht steckenbleiben? Wie sollten wir über die in Ausbesserung begriffenen Strecken hinwegkommen? Würden wir rasch genug von der Strecke herunterkommen, um einem etwaigen Extrazuge auszuweichen? Würden die Schienenbolzen nicht die Pneumatiks zerreißen? Und wenn alles gut ging, konnten die Stöße einer langen Fahrt über die Schwellen hinweg nicht die ernstesten Folgen für die Festigkeit und Ausdauer der Maschine haben? Auf all diese Fragen antworteten wir: „Vedremo!“ und gingen vorwärts.
Wir wollten die Strecke auf der kleinen Station in der Nähe des Mischikaflusses betreten, an der wir zum ersten Male vor zwei Tagen gehalten hatten. Die abenteuerliche Fahrt sollte genau an dem Orte beginnen, wo der erste Gedanke daran entstanden war. Der nächste Zug nach Irkutsk würde von Myssowaja nicht vor 8 Uhr abgehen, und der nächste Zug nach Werchne-Udinsk würde mittags vorüberkommen. Wir würden also Zeit haben, zwischen dem einen und dem andern den Bahnhof von Tanchoi zu erreichen, das etwa 60 Kilometer von Myssowaja entfernt ist. Tanchoi ist die Erbin der Schiffahrt von Myssowaja. Der neue Hafen der Trajektboote wird vorgezogen, weil er dem Westufer des Sees näherliegt; die Überfahrt der Dampfer zwischen Tanchoi und der Station Baikal auf dem linken Ufer der Angara ist nur 40 Kilometer lang. Es gibt Flüsse, die breiter sind als diese Strecke, wie z. B. der Pará und der La-Plata bei Buenos Aires.
Wir legten geduldig zum zweiten Male den alten verödeten Weg zurück, der so malerisch und so schwierig ist, mit seinen zahllosen, dem Einsturz nahen kleinen Brücken, seinen steilen Abhängen und seinen Anhöhen, die man im Sturm nehmen mußte, den Weg, der sich bald an dem klaren See hinzieht, bald im Schatten der Wälder verbirgt. Wir hatten diesmal den Vorteil, ihn zu kennen. Der Fürst erinnerte sich bei seinem erstaunlichen Gedächtnis an alles. Er sagte zu Ettore, welcher steuerte: „Jetzt kommt ein Abhang; bremse! Jetzt kommen wir an die Brücke, die sich nach rechts hinüberneigt; halte dich links!“ Aber all dieses Wissen bewirkte nicht, daß wir mit größerer mittlerer Geschwindigkeit als 9 Kilometer die Stunde fuhren, so daß wir erst gegen 8 Uhr bei der kleinen Station an der Mischika anlangten.
Am Ufer des Baikal-Sees.
Wir trafen wiederum den Stationsvorsteher und den Gendarmen, der an seine Vorgesetzten telegraphieren wollte. Der Stationsvorsteher hatte keine Nachricht von der Genehmigung unseres Gesuches erhalten, wohl aber der Gendarm. Dieser teilte uns mit, daß sämtliche Gendarmen und Wachtposten längs der Strecke von Irkutsk den Befehl erhalten hätten, uns passieren zu lassen. Der Stationsvorsteher seinerseits erklärte:
„Ich widersetze mich nicht. Ich weiß von nichts. Ich übernehme aber auch keine Verantwortung.“