Die Bevölkerung kannte bereits unser Brückenabenteuer und war herbeigeströmt, um uns ankommen zu sehen. Alle begrüßten uns feierlich. Einige junge Leute verstiegen sich sogar zu Beifallsklatschen. Die Straße wurde von mit Gewehren bewaffneten Soldaten frei gehalten. Ein Polizeioffizier näherte sich, grüßte und überreichte dem Fürsten ein Papier: es war die formelle Erlaubnis des Generalgouverneurs von Sibirien, die ganze Eisenbahnstrecke bis nach Irkutsk befahren zu dürfen, eine Erlaubnis, die telegraphisch nach Myssowaja geschickt worden war, um uns nicht auf die Ankunft der Post warten zu lassen.
Wir schlugen unser Hauptquartier im Bahnhofsrestaurant auf und besprachen bei einer guten, wohlverdienten Flasche Champagner unsere weiteren Pläne. Sollten wir die Eisenbahnlinie weiter benutzen? Wir hatten 60 Kilometer auf ihr zurückgelegt. Die Fahrt bot keinerlei Schwierigkeiten; sie war von banaler Einfachheit. Von Tanchoi an hätten wir nicht einmal mehr die Aufregung gehabt, Zügen zu begegnen, weil das Automobil jetzt die amtliche Eigenschaft eines Extrazuges angenommen hatte. Wir erkundigten uns, ob es möglich sei, von Tanchoi aus wieder die alte Heerstraße zu benutzen. Aber die Nachrichten, die wir erhielten, benahmen uns alle Hoffnung: die Straße existierte nicht mehr. Alle Brücken waren zerstört.
Die Eisenbahnstrecke war das eine Auskunftsmittel, das Trajektboot das andere. Da wir die Heerstraße nicht verfolgen konnten, mußten wir zu einem von beiden greifen. Warum sollten wir die Eisenbahnstrecke dem Dampfschiffe vorziehen? Wir waren bis zum äußersten Zipfel des Sees gelangt und hatten nur noch eine Strecke von 40 Kilometern Seelänge vor uns. Zweifellos konnten wir uns ohne Gewissensbisse über diese schmale Stelle setzen lassen, wie wir uns über einen Fluß übersetzen ließen.
Gerettet!
Wir beschlossen uns einzuschiffen. Aber der Benutzung des Dampfschiffes auf jenem schmalen Arme des Sees stellte sich eine ernste Schwierigkeit entgegen: der Hafen von Tanchoi ist ausschließlich Kriegshafen.
Seit die Eisenbahn um das südliche Ufer des Sees herumgeführt worden ist, dürfen sich die Reisenden nicht mehr auf den großen staatlichen Trajektbooten einschiffen. Sie müssen den Zug oder Privatschiffe außerhalb der Häfen von Baikal und Tanchoi benutzen. Jene Schiffahrtslinie mit ihren riesigen Dampfeisbrechern bleibt der ausschließlichen Benutzung durch das Heer vorbehalten. Das Gesetz gestattet keine Ausnahmen. Schiffe und Landungsplätze wurden sofort zu einem „militärischen Geheimnis“. Selbst den Beamten und ihren Familien ist es verboten, sich ihnen zu nähern. Konnten wir Fremden hoffen, die Erlaubnis dazu zu erhalten? Wir versuchten es und telegraphierten noch einmal nach Irkutsk. Wir hatten die unbestimmte Furcht, den Behörden schließlich lästig zu fallen, aber die Brücken waren daran schuld!
In unserem Hauptquartier erhielten wir viele Besuche von kleinen Beamten, höflichen, dienstfertigen Leuten, die bereit waren, für uns auf das Telegraphenamt zu laufen und Erkundigungen einzuziehen. Auch sie fragten, ob wir denn nicht überfallen worden seien, und drückten auf unsere verneinende Antwort hin ihre Befriedigung aus, die aber nicht frei von Verwunderung war. Diese Frage wurde in ganz Sibirien immer wieder an uns gerichtet, selbst von Polizeibeamten, ja sogar von Gouverneuren, und alle wunderten sich, daß wir nicht wenigstens von Muschiks ausgeplündert worden seien.
Ich glaube, daß die herrschenden russischen Klassen den Muschik nicht kennen. Sie haben sich so abgeschlossen, daß sie nicht wissen, wie er lebt und wie er denkt, so daß sie sich von ihm einen ganz falschen Begriff gebildet haben. Sie sprechen von ihm wie von einem zu fürchtenden stumpfsinnigen Wesen, einem Tiere, das man nur durch Schrecken regieren könne, um nicht selbst unter seine Schreckensherrschaft zu geraten. Wir sind mehr mit dem Muschik in Berührung gekommen als mit den Beamten, die ihn beherrschen, und daher empfinden wir für ihn Teilnahme und Achtung. Ich glaube auch, daß Sibirien von der amtlichen Welt verkannt wird, daß man wohl seine unbenutzt liegenden Reichtümer kennt, aber nicht seine schlummernden Kräfte, daß man den Sibirier von gestern mit dem von heute verwechselt, und daß man keine Ahnung von dem Sibirier von morgen hat. Sibirien bereitet große Überraschungen vor. Die Behauptung der gebildeten Sibirier, Sibirien sei der am weitesten vorgeschrittene Teil des Russischen Reiches, könnte zur Wahrheit werden! Es ist ein Land, das durch Verbannte, das heißt durch Leute von Intelligenz, durch Auswanderer, das heißt durch Leute von Unternehmungsgeist, und durch Kosaken, das heißt durch Leute von Kühnheit, bevölkert worden ist. Es sind dies die Grundbestandteile eines auserlesenen Volkes, das moderne Maschinen und moderne Ideen aufnimmt. Die transsibirische Eisenbahn, einzig zu Eroberungszwecken erbaut, als Militärstraße geplant, ruft durch ihren Verkehr eine langsame und unerwartete Umwälzung hervor.
Aber ich schweife von meinem Gegenstande ab. Kehren wir in das Bahnhofsrestaurant von Tanchoi zurück.