„Danke. Wer sind Sie?“
„Wir sind aus Irkutsk. Wir sind Ihnen entgegengefahren.“
Nach kurzer Zeit schüttelten wir im Halbdunkel eine Menge Hände und vernahmen die herzlichsten Willkommensworte. Ein Herr bot sich als Führer an und setzte sich zu uns. Er hieß Radionoff; er war einer der reichsten Kaufleute von Irkutsk, Besitzer von Dampfschiffen auf dem Baikalsee und der Angara, sowie eines der begeistertsten Mitglieder des russischen Komitees für die Fahrt Peking–Paris. Er geleitete uns nach Irkutsk und dann durch die verlassenen Straßen der Stadt, auf deren Schmutz der Widerschein der wenigen Laternen zitterte, bis zu einem weißen Gehöft mit einem grünen Gittertor, wo er nach jemand rief. Es erschien ein Riese, der das Gittertor öffnete. Wir fuhren in eine Art Garten hinein, gewahrten Bäume und hielten vor einem hübschen weißen Hause mit erleuchteten Fenstern, die ihren Schimmer auf das Laub der Bäume warfen. Und wie im Märchen stieg Herr Radionoff ab und rief:
„Wir sind da.“
„Wo sind wir?“
„In meinem Hause, das heißt in Ihrem Hause. Das Bad steht bereit. Ihre Zimmer sind in Ordnung. Das Essen ist auf dem Feuer.“
Wir fanden in jenem weißen Hause eine prunkvolle und herzliche Aufnahme, die volle und freie Gastfreundschaft dessen, der alles bietet, was er vermag, und es gern bietet. Um Mitternacht kamen Freunde zu dem Mahle, das auf dem Feuer stand. Die Stunde konnte dem, der den russischen Sommer nicht kennt, wenig geeignet erscheinen, jene unerträgliche Jahreszeit des Lichtes, da es um 11 Uhr abends noch Tag und um 2 Uhr morgens schon wieder Tag ist. Es kamen Offiziere, Kaufleute, Beamte. Wir bewegten uns unter ihnen, als hätten wir uns schon lange gekannt. Der slawische Charakter weist viel Ähnlichkeit mit dem romanischen auf: er bringt dem Fremden überströmende Freundlichkeit und hochherziges Vertrauen entgegen.
In Irkutsk verbrachten wir eine bezaubernde Zeit der Ruhe. Allerdings ist das Wort „Ruhe“ übertrieben; aber oft bedeutet „ausruhen“ nur „die Arbeit wechseln“. Wir durchstreiften Irkutsk der Länge und Breite nach auf den breiten Straßen mit dem holprigen Pflaster, die von beiden Seiten von düsteren, prächtigen Palästen begrenzt werden, wir spazierten über riesige, von Morast überschwemmte Plätze, durch die Kaufmannsviertel, die alle aus Holz gebaut sind, wie die Budenstadt einer riesigen immerwährenden Messe; wir gingen von einer Bank in einen Laden, von einem Laden auf das Telegraphenamt, von da nach einem Regierungsbureau. Wir hatten Erkundigungen einzuziehen, Rechnungen zu begleichen, allerlei Dinge zu kaufen, um unsere Garderobe zu erneuern, die durch das Öl der Maschine ganz und gar verdorben war. Wir betrachteten neugierig das Leben und Treiben in dieser Stadt, die sich das Ansehen einer Hauptstadt gibt und es in einiger Beziehung auch ist. Sie regiert ein Land, zwanzigmal so groß wie Frankreich, sie herrscht über eine Bevölkerung, die aus Angehörigen aller Rassen besteht; auf ihren Straßen begegnen sich unter der slawischen Masse Burjaten aus Transbaikalien, Kirgisen, die aus den Steppen kommen, Tungusen, die aus den Tundren herabgestiegen sind, Zirkassier, Tataren, Armenier und Juden. Es ist eine Stadt des Westens und des Ostens zu gleicher Zeit, in der die Geschäfte rasch Erledigung und die Moden spät Eingang finden; in ihr finden sich noch die Trachten des alten Rußlands, bewahrt von Männern von modernem Unternehmungsgeiste.
Der Radfahrklub wollte uns in seinem Velodrom jenseits der Angara empfangen, wo wir eintrafen, nachdem wir eine der größten Schiffsbrücken der Welt überschritten hatten. Der Regen und die Kälte störten das Fest, dämpften aber nicht die Begeisterung unserer Gastfreunde. Die uns zu Ehren in verschwenderischer Fülle angebrachten Flaggen und Fahnen hingen in dem eisigkalten Regen melancholisch herunter, aber im Gegensatz zu dem Wasser draußen rannen drinnen edle Weine die Kehlen hinab, die Gemüter erhellten und erwärmten sich an der herrlichsten geistigen Sonne. Wackere Männer fanden den Mut, ihre Zweiräder zu besteigen und eine Wettfahrt zu veranstalten, die wir mit gespanntem Interesse verfolgten, während eine Militärkapelle zündende kriegerische Weisen bis zu den fernen Ufern des Flusses erschallen ließ. In der Nacht waren wir aufs neue in Bewegung. Zuerst wurden wir in das Theater geführt, sodann in das Variété (die Vorstellungen in den Variétés beginnen in Rußland erst nach Mitternacht) und von da ins Restaurant, weil es der Brauch so will. „Andere Länder, andere Sitten!“ Nachdem wir Krebse aus Moskau und Kaviar aus Kasan gekostet hatten, wurden wir wieder in ein Variété geführt, um russische Gesänge, die berühmten Lieder der Ukraine, anzuhören, die auf Kommando gesungen wurden. Als die Gesänge zu Ende waren, weshalb sollten da nicht auch kleinrussische Tänze befohlen werden? Wir wohnten also auch den Tänzen bei. Der Tag dämmerte bereits, als uns der „Steigbügeltrunk“ zum Abschied angeboten wurde. Wir kehrten erst beim Morgengrauen des 3. Juli in einer Kutsche nach Hause zurück, als die Stadt bereits zu erwachen begann. Unsere „Ruhezeit“ in Irkutsk neigte sich ihrem Ende zu.
Wenige Stunden später, um 11 Uhr, verließen wir Irkutsk, umgeben von einem Ehrengeleite von Radfahrern. Das Automobil hatte sich durch eine sorgfältige Toilette gänzlich verändert. Ettore hatte es mit Hilfe des kräftigen Strahles einer Feuerspritze gesäubert, und aller Schmutz aus China, der Mongolei und Sibirien war unter jenen ungestümen Wasserstrahlen abgefallen. Wenn das Automobil somit auch gereinigt war, so hatte es doch seine ursprüngliche Farbe nicht wiedergewonnen; die Unbilden der Witterung hatten ihm eine unbestimmte Färbung verliehen. Wie wir hatte auch das Automobil eine neue Haut bekommen; es sah dunkler, ungepflegter aus und zeigte offen seine Beulen und Sprünge; es war häßlicher geworden, erschien aber stärker. Um es zu verschönern, ließ Fürst Borghese einen Schildermaler kommen und gab ihm den Auftrag, an den Seiten des Automobils zwei große weiße Inschriften anzubringen: Peking–Paris. Zum Unglück sah die Inschrift wie ein Ladenschild aus; es wäre wohl besser gewesen, das Automobil schmutzig zu lassen. In Irkutsk entäußerten wir uns eines Teiles des Gepäcks, der dritte Platz, der für mich bestimmt gewesene hintere Sitzplatz, wurde ausgeräumt und benutzbar gemacht. Er wurde von Herrn Radionoff eingenommen, der uns ein Stück Weges zu begleiten wünschte. Das Einsteigen war nicht leicht, weil man über Behälter hinwegsteigen mußte. Ein großes in Papier eingeschlagenes Paket legte er neben sich; wie wir später entdeckten, enthielt es Lebensmittel. Unser Freund hatte die Mittagszeit herannahen sehen und war nicht wie wir gewöhnt, das Frühstück zu vergessen.