Vor der Abfahrt überbrachte uns ein Telegramm aus Myssowaja die letzten Nachrichten von den übrigen Automobilen. Sie waren den Tag zuvor in Myssowaja eingetroffen und von jener Station mit der Eisenbahn nach Irkutsk gefahren.


Wir überschritten die große Pontonbrücke, gelangten glücklich über eine einige Kilometer lange Strecke unsicheren Geländes, auf dem das Automobil mehrmals einzusinken drohte — in der Nähe der sibirischen Städte sind die Wege stets fürchterlich —, und erreichten gegen Mittag den Anfang der guten Straße. Dahin hatten sich alle Radfahrer schon vor uns begeben. Wir begrüßten uns, brachten ein mehrfaches Hurra aus, die Mützen wurden geschwenkt, und dann schoß unsere Maschine rasch davon.

Wäre die selbst für Sibirien im Sommer außergewöhnliche Kälte nicht allzu schneidend gewesen, so hätten wir diesen neuen Abschnitt unserer Reise entzückend gefunden. Der Weg erlaubte die mittlere Geschwindigkeit von 30 Kilometern die Stunde. Wir fuhren am linken Ufer der Angara entlang, die majestätisch ihre kristallklaren Fluten vorüberwälzte. Irkutsk verschwand allmählich in dem weiten welligen Tale, und schließlich sahen wir nur noch die großen, zahlreichen Kirchen: eine Menge von Kuppeln, Türmen und Giebeln, die aus der grünen Ferne noch weiß herüberschimmerten, als die Häuser der Stadt dem Auge schon entschwunden waren.

Die Landschaft nahm einen anmutigeren Charakter an. Das Gelände senkte sich allmählich, entsprechend dem weiteren Laufe der Selenga. Die schroffen Anhöhen, die den Baikalsee umsäumen, wurden zu immer leichteren wellenförmigen Erhebungen. Wir begannen uns in den unermeßlichen Ebenen Sibiriens zu verlieren. Wir ließen die steilen Gebirge hinter uns, die sich am Horizonte gleich riesigen unbeweglichen Wogen auftürmten, und hatten — wie damals, als wir uns der Mongolei näherten — den Eindruck, als ob sich ein Unwetter entferne. Die Straße wies lange ebene und gerade Strecken auf, auf denen wir mit der Geschwindigkeit von 40 und sogar 50 Kilometern dahinjagen konnten, zwischen grünen, üppigen Wiesen, die von leuchtendgelben und weißen Blumen gesprenkelt und gestreift waren. Es waren die Pflanzenarten, die auch in den Alpen vorkommen. Die Wiesen waren von Rinder- und Pferdeherden bevölkert. Die Viehzucht ist dort draußen noch die ausschließliche Beschäftigung der halbwilden Bevölkerung, einer Mischlingsrasse, die etwas vom Slawen und etwas vom Mongolen an sich hat.

Herr Radionoff, der sich zum ersten Male an der schwindelerregenden Wonne der Schnelligkeit berauschte, stieß Rufe der Begeisterung und des Entzückens aus. Jedesmal, wenn wir unsere Fahrt beflügelten, äußerte er das glühende Verlangen nach dem Besitz eines Automobils. Er wollte es sofort haben, er wollte es bestellen, sobald er nach Hause käme; er würde telegraphieren, er wollte genau ein solches haben wie das unsrige. Nach und nach legte sich seine Begeisterung; unser guter Reisegefährte war schweigsam geworden; er hatte sein Frühstückspaket geöffnet. Ohne ein Wort zu sprechen, reichte er uns von den mitgebrachten Speisen; wir sahen seine Hand vor unserem Gesicht erscheinen mit einem riesigen belegten Butterbrote, das wir unter dankender Kopfbewegung ergriffen und verzehrten; kaum war es verschwunden, so erschien die Hand schon wieder mit einer neuen Portion. Es schien die Hand der Vorsehung zu sein. Seine Vorräte mußten unerschöpflich sein, da unser Appetit eher zu Ende ging als sie.

Wir kamen durch zahlreiche Dörfer, die von Zäunen umgeben waren, deren Gatter die Straße versperrten. Über die Holzdächer erhoben sich dünne, gleichmäßig hohe, nach vorn geneigte Brunnenstangen, die wie lange Lanzen aussahen. Einige dieser Dörfer waren von Kosaken bewohnt. Auf den Häusern wehten rote oder weiße Fähnchen, die mit Nummern versehen waren. Vor jedem Fenster standen Blumen; die schwarzen Isbas hatten sich mit ihnen geschmückt, um den kurzen Frühling zu feiern. Der Sibirier liebt Blumen abgöttisch, und mag sein Haus auch noch so armselig sein, es hat stets seine Geranien-, Nelken- oder Oleanderstöcke, die an der Wärme des Ofens gedeihen und die Kahlheit der Isba erheitern. Sie werden geliebt, weil sie selten sind und auch, weil jene Pflanzen, die der Pflege bedürfen, den Bewohnern in den langen, stillen, weißen Wintermonaten Gesellschaft leisten, wenn die Kälte und der Schnee jede Arbeit unmöglich machen und die Leute in ihren Häusern einschließen. Der Muschik verwendet beständige Sorgfalt auf die Verschönerung seines Heims; er breitet rohgearbeitete Decken über den Fußboden, behängt die Wände mit Bildern in schreienden Farben, mit Heiligenbildern, Bildnissen des Kaisers, und verteilt alles mit einem gewissen Ordnungssinn; der blinkende Samowar steht auf einem Tische in der Nähe des Fensters, damit man ihn von der Straße aus sieht; um den Samowar herum stehen die Gläser und Teller; auf einem Schranke stehen alle wertvollen Schätze der Familie: Porzellantassen, bemalte Teller, die bei der Hochzeit gebraucht wurden, eine ewige Lampe; an den Fenstern hängen Kattungardinen. Es herrscht in jenen Häusern ein Sinn für in sich gekehrte, zufriedene Traulichkeit, die nicht in den Ländern anzutreffen ist, in denen man nicht viel im Hause lebt, weil dort die Sonne auch im Winter warm scheint, die Luft mild ist und man sich im Freien wohlfühlt.

Wir gelangten auf das rechte Ufer eines Flusses, der Suchuja. Es ist ein Doppelfluß, der durch eine Bodenerhebung in der Mitte in zwei Flüsse geteilt ist; die eine Hälfte überschreitet man in einer Furt, die andere mittels des Bootes. Viele sibirische Flüsse haben so einen tiefen und einen seichten Teil; auf der einen Seite sind sie gefährlich, auf der andern harmlos. Einige von ihnen haben eine Brücke zum Überschreiten des besseren Arms und einen Kahn zum Übersetzen über den andern, in dem sich alle Wut und alle Gefahren der Strömung vereinigen. Eine Brücke über den ganzen Fluß würde bei Hochwasser den Fluten nicht widerstehen.

Ein großes Boot setzte uns über. Es war nicht leicht, das Automobil hinüberzubringen; wir mußten die Brücke verstärken, über die Ettore die Maschine rasch mit jener Sicherheit und Zuverlässigkeit trieb, die er schon an der Selenga bewiesen hatte. Schließlich gewannen wir Übung in diesen Einschiffungen. Wir setzten in Booten, von denen manches alt und leck war, über eine Menge anderer großer und kleiner Flüsse, über den Ospin, die Bjelaja, den Salarin, die Oka, die ihre Gewässer der Angara auf ihrem weiteren Laufe zum Jenissei zuführen.