An einer Stelle waren wir Zeugen eines erschütternden Anblicks.
Auf einer Dammstrecke der neuen Eisenbahn arbeiteten Hunderte von Männern in gleichmäßiger grauer Kleidung, die wir für Soldaten hielten. Wir glaubten an ihnen die neue Felduniform zu erkennen. Als wir aber näherkamen, bemerkten wir, daß jedem einzelnen eine Kette um den Fuß geschlungen war. Posten, bewaffnet mit Gewehren mit aufgepflanztem Bajonett, die Kapuze auf den Rücken geschlagen, die Zigarette im Munde, hielten ringsherum Wache. Als wir an ihnen vorüberkamen, hielten die graugekleideten Männer in ihrer Arbeit inne und richteten sich alle auf, um uns schweigend zu betrachten; dann grüßten sie durch Abnehmen der Mützen. Ihr Kopf war halb geschoren, daß er aussah wie eine schreckenerregende, groteske Clownperücke. Bei dieser traurigen Entdeckung durchschauerte es uns eisig, und wir murmelten:
„Die Sträflinge!“
Sie betrachteten uns fortwährend. Wir waren schon weit weg, und sie schauten uns noch immer nach. Wir fühlten uns von ihrer glühenden, schweigenden Aufmerksamkeit verfolgt. In ihrer Phantasie bedeuteten wir die Flucht. Wer weiß, welch bedeutsames Ereignis unsere Vorüberfahrt in dem entsetzlich gleichförmigen Leben einer Herde Menschen bildete, die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren und die nur noch mit Nummern gerufen wurden.
Abends 7 Uhr gelangten wir bei regnerischem Wetter nach Sima. Wir hatten 225 Kilometer zurückgelegt. Im Restaurant der nächsten Eisenbahnstation gelang es uns, mit sauerer Sahne zubereiteten Borscht und Koteletts zu erhalten, welch letztere sich aber als ungenießbar herausstellten; auch fanden wir unseren Benzin- und Ölvorrat im Hause eines jüdischen Kaufmanns vor, des Agenten der Firma Nobel, bei dem wir übernachteten.
Sima bedeutet im Russischen „Winter“. Wir fanden diesen Namen beklagenswerterweise äußerst angemessen. In Sima war die Kälte fast unerträglich, und wir sagten scherzend zueinander:
„Der Juli steht vor der Tür!“
Das Sonderbare war dabei, daß unser Wirt uns versicherte, daß es bis vor zwei Tagen unerträglich heiß gewesen sei. Es schien gerade, als ob uns die Kälte durch Sibirien geflissentlich begleiten wollte, um die Honneurs des Hauses zu machen.
Früh 4 Uhr waren wir schon wieder unterwegs. Natürlich war der Himmel bedeckt, die Luft naßkalt. Die Pelze genügten nicht mehr, uns vor der Kälte zu schützen, und wir hatten noch Kapuzen und unsere wasserdichte Kleidung angelegt; wir sahen unförmlich aus, wie Eskimos.