Fahrt über einen sibirischen Fluß.

Ein englischer Reeder namens Wiggins hatte den kühnen Plan gefaßt, in den wenigen Wochen — sechs oder sieben —, in denen das Nördliche Eismeer eisfrei ist, durch das Karische Meer zu fahren und in die Jenisseimündung einzudringen, um einen neuen Handelsweg nach Sibirien zu suchen. Im Jahre 1874 unternahm er diesen Versuch mit einem Schiffe namens „Diana“, und er gelang ihm; 1878 wurde die gewonnene Erfahrung in den Dienst der Praxis gestellt, und es wurden Waren an den Mündungen des Jenissei und des Ob ausgeschifft. Sieben Jahre später bildete sich eine englische Gesellschaft zum Zweck der regelmäßigen Organisation dieser Sommerschiffahrt. Die Geschäfte gingen aber schlecht, und die Gesellschaft löste sich auf, ebenso eine zweite Gesellschaft. Sibirien war noch nicht reif. 1895 aber, als die Eisenbahn in diesem unermeßlichen Gebiet die erste Entwicklung der Industrie hervorrief, bildete sich eine dritte englische Gesellschaft. Diesmal gingen die Geschäfte glänzend. 1898 kam eine neue Handelsflotte an. Die russische Regierung jedoch, die diese Unternehmungen anfangs durch Ermäßigung oder Erlaß der Zölle begünstigt hatte, zog später jede Begünstigung zurück, und seitdem ist es mit der Schiffahrt zu Ende. Krasnojarsk wird fortan kein Seehafen mehr sein!

Am Abend herrschte im Gasthofe gewaltiges Leben. Es fand eines jener großen sibirischen Bankette statt, welche an die Üppigkeit antiker Gastmähler erinnern.

Zwei unserer englischen Freunde stiegen am Morgen des 8. Juli früh 4 Uhr in eine Droschke und zeigten uns den Weg aus Krasnojarsk heraus. Braucht es noch einer besonderen Versicherung, daß es regnete? Einen Kilometer von dem Ort verabschiedeten wir uns von unseren Führern mit einem herzlichen „Good bye!“ und fuhren auf schauderhaften Wegen über leichte, grasbewachsene Anhöhen weiter. Es ging bergab und bergauf, wie wenn ein Kahn über die Täler und Kämme der Wellen tanzte. Es begann eine Fahrt, die der des gestrigen und vorgestrigen Tages glich, durch Wiesen und Wälder und kleine Strecken bebauten Landes in der Nähe der Dörfer; alles war naß, düster, traurig. Langsam verflossen die Stunden, langsam wurden die Kilometer zurückgelegt, und die kleinen Zwischenfälle der Reise, das komische Erstaunen der Muschiks, das Scheuen der Pferde, unsere Ankunft auf ländlichen Märkten, auf denen wir die lächerlichsten Verwirrungen anrichteten, vermochten nicht, uns aufzuheitern und uns zum Sprechen zu bewegen. Finster und verärgert saßen wir auf unseren Plätzen.

Mitunter empfanden wir einen wahren Haß gegen unser Geschick wie gegen einen Feind. Wir waren der Ansicht, daß ein feindlicher Wille uns absichtlich Schwierigkeiten in den Weg legte. Denn es waren nicht unvermeidliche Hindernisse wie die Gebirge von Kalgan oder der Lauf des Iro; nein, es waren Schwierigkeiten, die eine Stunde vor unserer Ankunft nicht vorhanden gewesen sein konnten und die eine Stunde später nicht mehr vorhanden sein würden. Sie schienen geschaffen, uns zu ermüden, uns zu erbittern. Wir befanden uns in der für gewöhnlich trockenen Jahreszeit, und doch hörte es nicht auf zu regnen. Diese Straßen hätten ausgezeichnet sein müssen und waren unpassierbar; ein sonniger Tag hätte sie in guten Zustand versetzt, und die Sonne kam nicht zum Vorschein. Unsere Berechnungen, unsere Voraussicht — alles war umgestürzt. Wir hatten geglaubt, in einem Tage von Krasnojarsk nach Tomsk zu gelangen, und wir würden drei, vielleicht gar vier dazu brauchen! Sibirien zeigte sich hartnäckig, als wollte es uns nicht durchlassen, und wir fühlten, wie sich unser gereizter Wille in Eigensinn verwandelte.

Gegen 9 Uhr gelangten wir an das Ufer eines Flusses, des Kemtschug, eines Nebenflusses des Tschulym, der seinerseits wieder ein Nebenfluß des Ob ist; es war bei Bolschaja, einem kleinen Dorfe, das den Namen des „großen“ führt.

Wir fragten nach dem Trajektboot, dem gewohnten Paravieda, das die Telegas übersetzt.

„Es war eins vorhanden,“ antworteten uns die Einwohner, die sich sofort um uns versammelten, „aber das Hochwasser hat es mitgerissen und zum Sinken gebracht. Es liegt eine halbe Werst von hier im Wasser.“

Wir fragten, ob eine Brücke in der Nähe sei. Die Landleute überschritten den Fluß auf einem gebrechlichen, zwei Hände breiten Stege, auf dem es schon gefährlich war, sich zu Fuß darüber zu wagen.

„Es war eine Brücke da,“ erklärten sie uns, „aber das Hochwasser hat sie zerstört.“