„Sind das die vielbesprochenen Räuber?“ fragten wir uns, als wir sie erblickten.

„Oder vielleicht harmlose Zollwächter, die Jagd auf Schmuggler machen?“

Zollwächter oder Schmuggler: wir machten die Mauserpistole schußbereit und behielten jede Bewegung der drei im Auge. Die Männer ihrerseits beobachteten uns regungslos. Man sah, sie waren über ein so unerwartetes Zusammentreffen im Innern der Taiga aufs höchste erstaunt. Als wir 50 Schritt von ihnen entfernt waren, warteten sie nicht mehr. Sie flüchteten in das Gebüsch, wo sie stehenblieben und uns mit entsetzter Miene betrachteten. Sie waren so außer Fassung, daß wir ihnen mit vollem Erfolge die Börse oder das Leben hätten abverlangen können!

Es war 6 Uhr, als wir aus den Wäldern herauskamen und in dämmernder Ferne einen großen Fluß schimmern sahen, den Jenissei. Eine Stunde später langten wir an seinem rechten Ufer an, gegenüber den Glockentürmen und blauen Kuppeln von Krasnojarsk. Es ist ein prächtiger Fluß, der zwischen hohen, grünen Ufern breit und rasch dahinströmt, als hätte er Eile, sich von der langen Winterruhe zu erholen; er wird durchfurcht von Dampfern, durchschnitten von den leichten, eigenartigen heimischen Booten, die aus einem einzigen ausgehöhlten Baumstamme angefertigt sind. Vor der Stadt teilt sich der Jenissei in zwei Arme, über die wir auf großen, festen Trajektbooten übersetzten. Polizeibeamte erwarteten uns und geleiteten uns durch fast menschenleere Straßen nach einem Gasthofe. Krasnojarsk schlummerte in dem immerwährenden Lichtscheine der sibirischen Nacht.

Wir hielten uns einen ganzen Tag dort auf, einen langweiligen Sonntag, den wir im Gasthofe zubrachten, weil es draußen regnete, die Geschäfte geschlossen, die Straßen still waren und die Stadt ein verödetes Aussehen hatte, als sei die Bevölkerung vor irgendeiner drohenden unbekannten Gefahr geflohen. Wir stiegen immer wieder in den Hof hinunter, um einen Blick auf das Automobil zu werfen, das einem „großen Reinemachen“ unterzogen wurde. Es hatte es auch nötig; der Schmutz war in solcher Menge in die Öffnungen der Kühlvorrichtung gedrungen, daß er die freie Atmung dieser Lunge des Motors behinderte. Dem Schmutze schrieben wir auch jenen Zwischenfall mit der erhitzten Bremse zu, der uns bei unserer letzten Etappe zum Halten veranlaßt hatte. Dank der Polizei fanden wir in Krasnojarsk wie in den andern Städten unseren Ergänzungsvorrat an Brenn- und Schmiermaterial vor. Stets war es die Polizei, die es sich angelegen sein ließ, das Depot ausfindig zu machen und uns zu übermitteln, gleichgültig, ob am Tage oder in der Nacht.

Das Automobil war stets von Publikum umgeben, einem gewählten Publikum von Beamten und Offizieren, weil die Menge keinen Zutritt zu dem Hofe hatte. Nicht ohne Verwunderung trafen wir darunter auch Engländer an, zu denen wir im Gefühle einer Verwandtschaft aller Westeuropäer freundschaftliche Beziehungen anknüpften. Es waren Ingenieure, die von der bezauberndsten aller Tätigkeiten, der Goldgewinnung, nach Sibirien gelockt worden waren. In Krasnojarsk hört man von Gold in derselben Weise sprechen wie in Kalifornien.

Es scheint, als berge Sibirien unter den reichen Schichten fruchtbarer Erde noch ganz andere Reichtümer. Im Becken der Lena, des Jenissei, des Amur und vieler kleinerer Flüsse findet sich Gold im Überfluß. In der Goldgewinnung kommt Sibirien sofort hinter den Vereinigten Staaten, Australien und Transvaal. Dabei ist man noch gar nicht dazu gekommen, die Adern auszubeuten. Mit den einfachsten Mitteln sammelt und wäscht man den goldhaltigen Sand der Flußanschwemmungen. Seit einigen Jahren jedoch führt man die Arbeit nach rationelleren Methoden aus. Die Eisenbahn hat die Beförderung der komplizierten Maschinen des modernen Bergbaus möglich gemacht. Wegen der Maschinen, der Ingenieure und der Leitung der Arbeit hat man sich nach England gewandt, dem Lande der Meister in der Goldgewinnung. Aber auch abgesehen vom Golde hat Krasnojarsk früher unmittelbare Beziehungen zu England unterhalten, eigenartige Beziehungen, die in der Stadt beinahe die trügerische Hoffnung erweckten, ein Seehafen zu werden.