Wir konnten nicht unentschlossen sitzenbleiben, dem Vorbeifahren der Züge zusehen und in der Nähe eines Ofens Zigaretten rauchen. Wir mußten irgendein Mittel finden, über diese vermaledeite schwarze Erde hinwegzukommen, und mußten ein sinnreiches Mittel ausdenken, die Räder am Gleiten zu verhindern. Hierin lag das Problem. Auf diesen Straßen wären Zahnräder am Platze gewesen! Ettore ging hinaus und begann an der Maschine zu arbeiten. Er mußte einen Plan haben. Er war der Mann der Aushilfsmittel. Wir sahen ihn in der Tat die Ketten von den Winden abnehmen und sie um den Gummireifen des linken Laufrades schlingen. Die Idee war äußerst geistreich, und wir spendeten ihm rückhaltlosen Beifall.
„Jetzt wollen wir es einmal versuchen!“ rief der wackere Mechaniker, als er das mit der Kette umwickelte Rad, das er mittels der Winde vom Boden hochgehoben hatte, wieder auf die Erde stellte.
„Ja, wir wollen es versuchen!“
Wir sprangen auf unsere Sitze, und fort ging es.
In der Taiga.
Wenige Minuten später bekamen wir den Feind in Sicht. Das Automobil erklomm rasch die Anhöhe, die uns so oft zum Rückzuge gezwungen hatte. Ungefähr in der Mitte blieb die Maschine einen Augenblick unentschlossen stehen — aber nur einen Moment; die Kette riß wie eine Kralle den Boden auf, gelangte auf festen Boden und griff Zoll für Zoll weiter ein. Wir überwanden die Höhe und brauchten von nun an nicht mehr zu halten. Trotzdem mußten wir eine große Unannehmlichkeit mit Geduld und Ergebenheit ertragen. Die Kette wühlte eine außerordentliche Menge Schmutz auf und schleuderte ihn auf das Automobil und auf uns, so daß alles davon bedeckt wurde. Wir konnten nur mit Mühe die Augen offenhalten. In den Dörfern lagen in den Straßenschmutz eingebettet Stücke Holz, Zweige, Steine, die die Ketten herausbaggerten und uns auf den Rücken warfen. Aber wir kamen vorwärts! Wir hatten keine Furcht mehr, im Moraste steckenzubleiben. Der Regen, den ein eisiger, heftiger, schneidender Wind uns gerade entgegentrieb, peitschte uns das Gesicht.
Dutzende von Kilometern führte uns der Weg wieder in die Taiga zurück. Vom dunkeln Himmel herab sammelten sich oft die niedrighängenden Wolken um uns und umgaben uns mit einem dichten Nebel, in dem die Bäume des Waldes bizarre, gespenstische Gestalten annahmen. Die Massen der Tannen zeichneten sich in dunkeln, phantastischen Umrissen, mit ragenden Spitzen ab, die den Türmen und Giebeln, den Konturen schattenhafter gotischer Städte glichen. Niemals erblickten wir den Horizont klar. Alles rings um uns war undeutlich und blaß. Es blieben uns von den Gegenden, durch die wir kamen, nur verworrene, unbestimmte Erinnerungen wie von Dingen, die wir geträumt hatten. Genau erinnern wir uns nur an das wilde Rauschen der Bergströme, an das Niederklatschen des Regens auf die Bäume und an das Rieseln in den Gräben zu beiden Seiten der Straße — kurz, es ist uns ausschließlich das Bild fallender und fließender Wassermassen im Gedächtnis geblieben. Die Gießbäche waren angeschwollen und trüb, die Flüsse voll bis zum Rande.
Aber wir fanden überall Brücken. Eine von ihnen führte über die Kisbna, eine lange Brücke, die unter dem Anprall der reißenden Strömung, die gegen die Pfeiler drängte, in allen Fugen erzitterte.
Nach langen Stunden der Einsamkeit sahen wir mit einem Male drei wie Muschiks gekleidete, aber mit Gewehren bewaffnete Männer auf der Straße stehen.