Zum Glück waren wir noch in der Nähe des Ob. Als jeder Versuch, die Maschine mit Hilfe der drei Pferde freizubekommen, gescheitert war, wandte sich der Kirgise kurz entschlossen dem Flusse zu und rief Leute herbei. Es kamen Muschiks und Bootsleute, und in weniger als einer halben Stunde waren wir aus dem Sumpfe wieder heraus.

„Ich habe es Ihnen ja gesagt, Knjäs Borghese,“ rief der Pristaf; „Sie sollten mir folgen!“

Von diesem Augenblicke an folgten wir ihm mit der Treue eines Hundes. Die Troika beschrieb phantastische Bogen; zeitweise verschwand sie hinter Strauchwerk, Büscheln von Sumpfpflanzen, Zwergweiden und Binsen; dann leitete uns der Klang der Glocke an der bogenen Duga, unter der das Mittelpferd seinen Hals im Laufe vorstreckte; auch leiteten uns die Peitsche und die Pelzmütze des Kirgisen, die wir über den Pflanzen dahinschwebend erblickten. Oft spritzte das Wasser unter den Rädern empor, und wir fühlten, wie das Automobil leicht einsank; aber die Geschwindigkeit rettete uns. Dies rasende Dahinstürmen hatte etwas Romantisches an sich. Wir empfanden das Vergnügen einer Jagd.

Alle zehn Kilometer fand die Troika frische Pferde und einen neuen Kutscher vor. Der Wechsel vollzog sich mit Blitzesschnelle; wir brauchten fast nicht zu warten. Wir setzten auf einer alten, aus den Fugen gegangenen Barke über einen kleinen Fluß und mußten im Verein mit dem Pristaf und den Muschiks hart arbeiten, um den Landungssteg, der unter der Last des Automobils zusammenzubrechen drohte, zu verstärken. Jenseits begann das Gelände wellig zu werden. Das Sumpfgebiet war zu Ende. Gegen 7 Uhr sahen wir spitze Glockentürme über die flache Linie des Horizonts emporragen. Eine halbe Stunde später trafen wir in Kolywan ein.

Die Bevölkerung erwartete uns wie in Mariinsk. Sie hatte den Ort zu Fuß, zu Pferde und in Telegas verlassen. Auch der Polizeimeister war erschienen und stand allein in der Mitte eines Kreises, den man aus Respekt freigelassen hatte. Er hatte uns kaum gesehen, als er auch schon auf uns zuschritt, um uns offiziell anzureden. Aber unvermutet wurde unser feierlicher Einzug durch einen einzigartigen Zwischenfall gestört.

Hunderte von Rindern kehrten vom Felde nach ihren Ställen zurück mit der Geschwindigkeit von Tieren, die nach Hause wollen, als ...

Aber es ist besser, ich erwähne erst die Gewohnheit der sibirischen Rinder, die die beste soziale Erziehung verrät. Die Weiden in Sibirien gehören fast alle der Gemeinde, sie sind Kollektiveigentum. Am Morgen öffnen die Bewohner die Ställe, und die Rinder wandern vor das Dorf, um gemeinsam das Gemeindegras abzuweiden; abends kehrt die Herde in geschlossenem Zuge nach dem Orte zurück, wie es Kinder tun, wenn sie aus der Schule kommen. Sobald die Herde in der Stadt ist, trennt sich jedes Rind von seinen Gefährten und geht von selbst nach Hause; es findet seinen Stall offen und geht hinein; die Herde wird immer kleiner, bis nur noch ein einziges Rind übrigbleibt, das letzte, das im letzten Hause verschwindet.

Wir langten in Kolywan gerade während der abendlichen Heimkehr der Rinder des Ortes an. Sie scheuten vor dem Automobil, stürmten in den Ort hinein und kamen zu gleicher Zeit mit uns in die Hauptstraße. Die Bewohner flüchteten und der Polizeimeister verschwand, wobei ihm die Hälfte seiner Begrüßungsrede im Halse steckenblieb. Wir fanden uns in eine große Staubwolke eingehüllt, umringt von einem Walde von Hörnern, inmitten von Getrappel, Gebrüll und Geschrei. Wir hätten glauben können, im Zentrum eines gar seltsamen Stiergefechtes zu sein. Endlich gelangten wir mit diesem Gefolge nach dem Gemeindehaus.

Nach kurzer Zeit erschien der Polizeimeister wieder und konnte den Rest der so unglücklich unterbrochenen Begrüßungsansprache an den Mann bringen. Sodann schilderte er uns die Notlage Kolywans.

„Eine Stadt, mit der es zu Ende geht!“ sagte er. „Sie war reich, und jetzt ist sie arm; sie war bevölkert, und jetzt steht sie öde.“