Meine Zeitung mußte also an diesem Abend ohne Bericht über unsere Fahrt bleiben. „Besser ist immer,“ dachte ich bei mir, „ohne Bericht als ohne Berichterstatter“, und kehrte nach der Herberge zurück.

Ergänzung des Wasservorrates in einem sibirischen Dorfe.


Bei Kainsk überschritten wir den Om in kurzer Entfernung von dem Orte auf einer sonderbaren Holzbrücke, die sich gesenkt hatte, so daß sie sich fast vollständig unter Wasser befand. Wir nannten sie die Brückenfurt. Es war am 14. Juli 4 Uhr morgens. Wir setzten unsere rasche Fahrt über eine unermeßliche Ebene fort, aus der wir bis zur europäischen Grenze nicht mehr herauskommen sollten. Wir hatten keine andern Höhen mehr zu erwarten als den Ural.

Nach zwei Stunden regnete es in Strömen, und die Straße wurde sofort unpassierbar, so daß wir an einem Eisenbahnübergang Zuflucht im Bahnwärterhäuschen suchten. Wir wollten nicht wieder zur Umwicklung des Rades mit der Kette greifen, um durch diesen Schmutz zu kommen. Ich habe zu erwähnen vergessen, daß das Manöver mit der Kette seine Unzuträglichkeiten, sogar sehr schwerer Art, im Gefolge hatte, die es uns unrätlich erscheinen ließen; die Kette zerschnitt den Pneumatikreifen und, was schlimmer war, sie schädigte die Speichen des Rades, indem sie ihre Befestigung am Radkranze lockerte. Das linke Laufrad begann uns Sorge einzuflößen: es hatte Risse in den Speichenhöhlungen und knirschte mitunter. Ein Radbruch bedeutete, unrettbar auf der Straße liegenzubleiben. Wir mußten vorsichtig sein.

Übrigens hatte uns Sibirien gelehrt, die Ungeduld zu bemeistern. Es brachte uns etwas von dem Fatalismus bei, der den Grundzug des slawischen Nationalcharakters bildet und der wahrscheinlich gerade von der Gewohnheit herrührt, sich unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenüberzusehen, die der Rauheit des Klimas entspringen. Man kann dort draußen das dringendste Geschäft zu erledigen haben, man kann unter dem Drucke der größten Notlage stehen, aber wenn das Wetter halt gebietet, muß man sich darein fügen und gehorchen. Die Notwendigkeit, sich vor dieser Gewalt zu beugen, unabsehbar lange Zeit zu warten, breitet schließlich Heiterkeit über diesen erzwungenen Verzicht auf die eigene Unabhängigkeit; man unterwirft sich instinktiv den höheren Mächten; man beugt gelehrig und ohne Widerstreben das Haupt vor dem Wetter wie vor den kaiserlichen Ukasen, vor der Überschwemmung wie vor den Anordnungen der Polizei. Bei dem einen wie bei dem andern sagt man: „Nitschewo!“ Der oberste Autokrat Rußlands ist nicht der Zar, es ist das Klima.

Wie lange Zeit werden wir hier liegenbleiben müssen? Der Himmel war dunkel und mit Regen beladen, als hätte es überhaupt noch nie geregnet! Der Bahnwärter erklärte, wir hätten noch etwa 60 Kilometer des schlechtesten Geländes vor uns, dann aber würde die Straße auch bei Regenwetter gut, weil sie sandig sei. Nach einer Stunde bemerkten wir, daß die Wolken nicht mehr von Westen nach Osten zogen, sondern in Unordnung und in phantastischer Flucht geradeswegs nach Süden getrieben wurden. Der Wind war also umgeschlagen. Wir waren dahin gelangt, daß wir uns besser auf die sibirischen Winde verstanden als die Kalendermacher. Westwind: „Regen“; Südwind: „Veränderlich und Nebel“; Nord- oder Ostwind: „Heiter“! Es regnete noch immer, aber wir waren so fröhlich geworden, als sei die Sonne bereits zum Vorschein gekommen. Wir selbst heiterten uns früher auf als der Himmel. So bestiegen wir die Maschine, ohne länger zu warten, und fort ging es.

Noch keine Stunde war vergangen, so wurde das Wetter ausgezeichnet, die Straße gut, auf vielen Strecken sogar sehr gut. Wir rechneten manchmal eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde aus und hielten bequem eine mittlere Geschwindigkeit von 35 Kilometern. Das unendliche Panorama der Steppe entrollte sich mit gleicher Eintönigkeit. Dörfer waren vereinzelt und bestanden aus sehr kleinen Isbas; es fehlt in diesen Gegenden an Holz, und die armseligsten Häuser Ostsibiriens und Transbaikaliens würden hier Palästen gleichen. Wir erblickten winzige Wohnungen, in denen die hochgewachsenen Muschiks gewiß immer sitzen mußten wie die Heiligen auf den Fresken Giottos. Die Sonne begann glühendheiß zu brennen.