Um 4 Uhr bekamen wir Omsk in Sicht, das in einer sandigen Ebene liegt. Wir wurden wieder von einem Polizeioffizier erwartet. In wenig mehr als zwölf Stunden hatten wir von Kainsk aus 390 Kilometer zurückgelegt!
Wir langten in Omsk zur Stunde des sonntäglichen Spazierganges an. Auf den hölzernen Fußsteigen bewegte sich langsam die friedliche Masse der Bürger, die mit der Miene dessen, der seinen besten Anzug trägt, Luft schöpften. Es schritten Offiziere und Beamte in großer Uniform mit ihren Familien vorüber, die Kinder an der Hand führend. Es war die Atmosphäre einer Provinzstadt, die ausruht. Dann überschritten wir auf einer schönen Brücke den Om, in der Nähe seines Zusammenflusses mit dem Irtysch.
An den Ufern ziehen sich die Docks hin; an den Landungskais liegen einige jener großen, eleganten Passagierdampfer, die im Sommer den Irtysch bis nach Tobolsk hinab und aufwärts bis Semipalatinsk befahren, 1500 Kilometer seines Laufes. Wir sahen ein Bild von Tätigkeit und neuzeitlichem Wesen, das wie eine Offenbarung auf uns wirkte; wir glaubten uns schon mitten in Europa. In Irkutsk hatten wir die politische, in Tomsk die geistige Hauptstadt des asiatischen Rußlands angetroffen; hier in Omsk fanden wir die kommerzielle Hauptstadt.
Omsk ist der Mittelpunkt riesiger gewerblicher Tätigkeit. Es beherrscht durch seine Lage ganz Westsibirien. Es sammelt auf dem Flußwege alle Schätze des fruchtbaren Landes auf einem Punkte an und wirft sie mittels der Eisenbahn auf die europäischen Märkte. Man spricht davon, es durch eine besondere Linie mit der turkestanischen Eisenbahn zu verbinden; dann wird es das Herz Zentralasiens werden. Diese alte Stadt, der der Fortschritt verjüngtes Leben eingehaucht hat, hat das Aussehen einer Pionierstadt, einer Stadt, die sich vom Schlummer erhebt, einer neuen Stadt auf neuem Boden, ohne zu überwindende Überlieferungen, ohne zu schützende Gewohnheiten. Das deutlichste Zeichen dieser Lebenskraft, die jetzt zum Durchbruch kommt, unabhängig von jeder Fessel der Vergangenheit, äußert sich in der weiten Verbreitung der Maschinen. Auf den Kais des Flusses sahen wir nichts als Maschinen, zu Tausenden waren sie bereit, nach den jungfräulichen Steppen von Kulundinsk und Naiman versandt zu werden. Es waren die neuesten Maschinen der landwirtschaftlichen Industrie, selbst Maschinen, die die Abneigung gegen Neuerungen von so vielen zivilisierten Ländern Europas ferngehalten hat. Ändern ist schwieriger als Neuschaffen; Omsk schafft neu. Unermeßliche Strecken „schwarzer Erde“, die bisher von menschlicher Arbeit völlig unberührt geblieben sind, werden von den amerikanischen Doppelpflügen aufgerissen, mit den vollkommensten Sämaschinen befruchtet und mit Hilfe der sinnreichsten Maschinen, die die Zivilisation zu diesem Zwecke erfindet, bebaut.
Omsk empfängt und verkauft für mehr als 20 Millionen Mark landwirtschaftliche Maschinen für die neuzubestellenden Ackerflächen. Selbst die Kirgisen, die nie ein Ackergerät in der Hand gehabt haben, fahren den Irtysch bis nach Omsk hinauf, um Maschinen zu kaufen. Sie beginnen mit dem Besten, was es gibt. Viele Industrien, die noch gestern dort draußen fast unbekannt waren, erwachen und gewinnen auf dem Weltmarkte Bedeutung. Ein mit Kühlwagen ausgestatteter Sonderzug überschreitet täglich die Grenzen Sibiriens und befördert frische Butter, die zu zwei Dritteln auf den englischen Markt gelangt. Im vergangenen Jahre hat die Gegend zwischen Omsk und Kurgan für nahezu 100 Millionen Mark Butter ausgeführt. Das Sibirien der Überlieferung, das trostlose Land der Verbannung, die eisige Heimat hungriger Wölfe, existiert nicht mehr, wenn es überhaupt je existiert hat. Es erweist sich als ein Land, das weit unternehmungslustiger und reicher ist als Rußland. Niemand vermag jetzt, bei dem Schauspiele seines ersten Erwachens, zu sagen, was die Zukunft ihm vorbehalten hat.
Im Hotel wurden wir herzlich von einem „Lokalkomitee für die Fahrt Peking–Paris“ begrüßt, das zum Teil aus Engländern, Deutschen und Norwegern bestand, den Vertretern der großen Handelshäuser, denen ein so großer Anteil an dem Aufschwung des neuen Lebens gebührt, das diese Gegenden durchströmt. Vom Balkon herab rief jemand:
„Viva l’Italia!“
Wir bemerkten einen Herrn, der seinen Hut schwenkte und nach seinem Gruße von oben herab herunterkam, um uns in förmlicher Weise zu begrüßen. Es war ein englischer Berichterstatter, der von der „Daily Mail“ uns bis hierher entgegengeschickt worden war, ein sympathischer Kollege, der uns dann von Omsk während des Restes unserer Reise auf der Eisenbahn folgte.