Wir beschlossen, in Omsk zwei Tage zu bleiben, denn wir bedurften der Ruhe. Während der Fahrt waren wir von der nervösen Erregung des ununterbrochenen Wachens aufrechterhalten worden. Fahren war, auch wenn keine Zwischenfälle eintraten, gleichbedeutend mit fieberhafter Tätigkeit. Sobald wir aber haltmachten, fühlten wir mit einem Male eine unsagbare Mattigkeit auf uns lasten. Das lange beständige Wachbleiben und die überstandenen Strapazen machten sich jetzt mit einem Schlage geltend; es schien, als kehrten sie zurück und verlangten ihren Lohn an Ruhe. Die mittlere Dauer unseres Schlafes hatte vier Stunden täglich betragen. Wenn wir an unserem Haltepunkte anlangten, hatten wir jeden Abend nach einer oberflächlichen Toilette noch eine lange Arbeit vor uns. Der Fürst begab sich mit der Polizei auf die Suche nach dem Benzinvorrat; Ettore reinigte die Maschine und setzte sie zu der Fahrt des nächsten Tages instand; ich hatte meinen Bericht zu schreiben, und zwar so deutlich wie möglich, um eine fehlerfreie Übertragung zu ermöglichen, und mußte dann, was viel langwieriger und schwieriger war, die Telegraphenbeamten bewegen, ihn zu befördern! Die Länge der Depeschen entsetzte alle Beamte; eine Depesche von 1000 bis 2000 Worten zu befördern, hielten sie für einen Wahnsinn, zu dessen Mitschuldigen sie sich um keinen Preis machen wollten! So suchten sie tausend Vorwände, um mich zum Verzicht auf die Beförderung zu veranlassen. Es war fast nie vor 10 Uhr abends, ehe wir einen Bissen zu essen bekamen, und oft schliefen wir auf der bloßen Erde. Um 2, 3 des Morgens waren wir schon wieder auf den Beinen. Mit unserer Arbeit war noch etwas anderes verbunden, das uns mehr als die körperliche Anstrengung mitnahm: es war die Angst, mitunter Aufregung, oft Ungewißheit, es waren die beständigen starken Eindrücke, die Entmutigungen, die Wagnisse, die plötzlichen Entschließungen — all das Drum und Dran eines unablässigen Kampfes. Frischer und unbefangener wollten wir unsere Reise fortsetzen.
Zu den Eigenschaften, die ich am Fürsten bewunderte, gehörte die körperliche und die noch größere geistige Widerstandsfähigkeit. Er war ermüdet, wußte es aber zu verbergen. Auch widerstrebte es ihm, vor Fremden müde zu scheinen. An dieser Herrschaft über sich selbst hielt er unverrückbar fest. Wenn wir eingeladen waren oder Gäste bei uns sahen, so schien er das Bett ganz zu vergessen; er hüllte sich in die lächelnde Unempfindlichkeit des Diplomaten und hielt unbegrenzte Zeit aus. Kaum aber waren die Fremden gegangen, so war auch der Diplomat verschwunden und Don Scipione schlief tief und fest. Ich gestehe, daß ich mich in Omsk von der Müdigkeit wie von einer Krankheit gepackt fühlte; wie die Verhungerten, die vor großem Hunger nicht mehr zu essen vermögen, war es mit mir so weit gekommen, daß ich nicht mehr schlafen konnte. Aber die Reaktion trat ein, und zwar auf die seltsamste Weise.
Am Abend des 16. Juli kehrte ich nach dem Hotel zurück, als ich mit einem Male die Beine unter mir wanken fühlte und wie ein Betrunkener weiterging. Zu gleicher Zeit umnebelte sich mein Blick; ich sah den Himmel grün, und es schien mir, als hätten die Vorübergehenden sämtlich erst ein bläuliches und dann ein schwarzes Gesicht; es umgab mich undurchdringliche Dunkelheit. Ich fühlte, daß die Menge mich neugierig ansah, lehnte mich an die Mauer und legte die Hand an die Stirn. In diesem Augenblicke näherte sich eine leere Droschke. All meine Kraft zusammenraffend, rief ich:
„Kutscher! Kutscher!“
Ich sah, wie der Wagen auf meinen Ruf hin wendete. Dann erinnere ich mich an nichts mehr.
Was sich zugetragen hat, ist leicht zu erraten, wenn ich sage, daß, als ich wieder zu mir kam, ich mich an derselben Stelle am Boden liegen fand. Ich war vor Schlaf, vor Müdigkeit umgesunken. Mit der Empfindung, im Bett zu liegen, erwachte ich. Als ich die Augen aufschlug, war ich ganz erstaunt, so viele Füße mit Stiefeln sich in unmittelbarer Nähe meines Kopfkissens bewegen zu sehen! Dann kehrte plötzlich die Erinnerung zurück, und ich erhob mich etwas verwirrt. Die Droschke stand noch da und wartete auf mich. Wie lange hatte ich regungslos und ohne Bewußtsein gelegen? Wer weiß es?
Hatte mir niemand Hilfe geleistet, hatte ich mich selbst wieder von der schmutzigen Straße erhoben? Ach ja, dies gehört auch zu den Sitten des Landes. Wenn alle diejenigen, die auf den Straßen einer sibirischen Stadt umfallen, aufgehoben werden sollten, da hätte man viel zu tun! Ich war einfach für einen Betrunkenen der besseren Stände gehalten worden. Ein Rausch ist in Sibirien so allgemein, daß er für ehrenhaft gilt, und daher wird er auch respektiert. Hätte mich die Menge auf den Füßen stehend angetroffen, so hätte sie mich mißtrauisch oder verächtlich ansehen können; da sie mich aber ausgestreckt am Boden liegen fand, so konnte sie nicht umhin, mich zu achten. Ich erwarb mir dadurch eine Art sibirisches Bürgerrecht. Ich stieg in den Wagen; der Kutscher drehte sich um und sagte mir in freundlichem Tone:
„Ich fahre langsam, Väterchen; aber Sie würden gut tun, wenn Sie sich hier festhielten!“
Und er wies auf den Eisenstab hinter seinem Sitze. —