Allmählich kamen wir aus der vollkommenen Ebene heraus, aus diesem Landozean, in welchem wir fast 1000 Kilometer zurückgelegt hatten. Gegen Mittag gelangten wir nach Überwindung von Dünen, die für den Motor ziemlich anstrengend waren, in ein großes Dorf: Zowodonowskaja.

Am Eingange standen prächtige Troikas, deren herrliche Rappen ungeduldig die feingezeichneten Köpfe schüttelten und die silbernen Schellen erklingen ließen; über den Dugas schwankten Glocken hin und her; die Kutscher, mit großen Hüten und wallenden Bärten, trugen Armiaks nach zirkassischem Schnitt mit prächtigen Gürteln; ihre Kleidung war nach altrussischer Mode wattiert, so daß der Kutscher alten Stils außergewöhnlich stark, breiter als hoch erscheint. Der Diener einer vornehmen Familie muß wohlbeleibt sein, um den Reichtum der Herrschaft zu veranschaulichen. Diese Troikas warteten auf uns. Ein reicher sibirischer Minenbesitzer aus der Umgegend bot uns auf einem seiner in der Nähe liegenden Güter ein Frühstück an. Wir akzeptierten. Das Automobil wurde im Dorfe zurückgelassen, und wir nahmen nebst unserem Wirte und einigen seiner Freunde in den Troikas Platz. In Staubwolken gehüllt ging es in sausendem Galopp; wir hielten uns gegenseitig mit den Armen fest, um nicht von den schmalen Sitzen ohne Lehne herabgeschleudert zu werden.

Fürst Borghese in einer Troika.

Die echt russischen Wagen sind nicht übermäßig bequem; es gehört eine gewisse Geschicklichkeit dazu, sich auf ihnen zu halten; man meint, die Russen liebten es, den Sitzen die Reize des Sattels zu verleihen; wenigstens muß man mit den Kunstgriffen des Reitens vertraut sein, um sich ungestraft dieser Wagen bedienen zu können. Aber sie sind zum schnellen Fahren eingerichtet und machen infolge ihrer Einfachheit und Leichtigkeit das Fahren zu einem Genuß. Die Troika hat etwas Klassisches. So könnte die Bespannung eines römischen Triumphwagens gewesen sein! Die Pferde sind mit skulpturmäßiger Symmetrie verteilt: in der Mitte der große Traber, zu den Seiten die beiden galoppierenden Pferde. Und sie galoppieren mit vorgestreckten Köpfen, mit nach auswärts gerichteten und in dieser Stellung durch starke Zugleinen festgehaltenen Nüstern.

Wir fuhren in rasender Eile über Sandwege dahin, gelangten dann zwischen Gebüsche, und eine halbe Stunde später war die Steppe wunderbar verwandelt. Es erhoben sich dichte Kiefernwälder, auf die Obstgärten und dann ein schattiger Park an den Ufern eines stillen, klaren Baches folgten; zwischen den Bäumen sah man Schuppen, Lusthäuser, Marställe und eine Fabrikanlage, die ihre Kraft aus dem Flusse bezog.

Das Frühstück wurde im Freien serviert in der Kühle des Gartens mit der freigebigen und schlichten Gastlichkeit vergangener Zeiten. Wir glaubten uns in eine andere Zeit versetzt, in eine Ansiedlung, die von der Welt vergessen worden ist oder die diese vergessen hat. Die Toiletten der Damen waren vierzig Jahre alt; meine Nachbarin, eine ehrwürdige Dame mit grauen Locken, unterhielt sich fließend mit mir in einem Französisch, wie man es heute nicht mehr spricht; der Bruder unseres Wirtes, ein Hüne, trug das altsibirische Kostüm mit der gestickten Seidenbluse und dem silberbeschlagenen Gürtel. Die Dame des Hauses war der Typus einer Romanheldin, die es liebt, sich auf Kosakenart zu kleiden, sich mit Flinte und Jatagan zu waffnen, wie ein Mann zu Pferde zu sitzen und auf der Jagd durch den Wald zu sprengen. Ihre Söhne trugen sämtlich die Nationaltracht. Die Dienerschaft war äußerst zahlreich, Männer und Frauen, die uns neugierig mit respektvoller Vertraulichkeit betrachteten. Eine alte Frau begrüßte den Hausherrn, indem sie das Knie beugte und mit der Stirn die Erde berührte. Junge Mädchen trugen ohne Unterlaß Speisen und Getränke auf.

Das Gastmahl würde wohl lange ausgedehnt worden sein, wenn wir uns nicht nach drei Stunden daran erinnert hätten, daß wir noch am selben Abend in Tjumen, 340 Kilometer von Ischim, sein müßten, um zu übernachten. So mußten wir allen Bitten widerstehen. Mit der Annäherung an Europa gelangten wir in Gegenden, wo uns jene angenehmen Hindernisse winkten, die man Einladungen nennt. Der Fürst mußte mehr Willenskraft aufbieten, um inmitten all dieser Gastlichkeit vorwärts zu kommen, als er zwischen den Sümpfen und Felsen nötig gehabt hatte.

Bei Jalutorowsk setzten wir über den Tobol und einige Stunden später bei Bogandinsk über den Pyschma. Nicht nur in den Städten kannte man uns, auch im freien Felde wurden wir bisweilen erkannt. An einer Kreuzung fragten wir einen jungen Mann nach dem Wege. Als er ihn gezeigt hatte, rief er uns nach:

„Von Peking?“