Auf der mit Gras bewachsenen sibirischen Chaussee.
Wir befanden uns, beinahe ohne es zu bemerken, im Schatten riesenhafter Birken, die zu beiden Seiten der Straße standen. Zuerst bildeten sie zwei lange, prächtige Reihen; dann standen sie dichter und wurden zu einem herrlichen Walde, durch den die Straße einen Durchgang geöffnet hatte. Unter die Birken mischten sich Tannen; dann kam das zahllose Heer der Kiefern mit ihren schlanken, rötlichen Säulen ähnlichen Stämmen. Die Spuren des Verkehrs waren auf dem mit Gras bedeckten Wege verlöscht. Wir glaubten in die Taiga zurückzukehren. Auch hier hatte die Eisenbahn die alte Heerstraße zur Verödung verurteilt. Der grüne, frische Schatten duftete nach Harz, nach Thymian, nach Minze, nach Blumen. Der Rasen war mit roten, köstlichen Erdbeeren übersät.
50 Kilometer von Tjumen entfernt erblickten wir in der Tiefe des Waldes zwei hohe nebeneinanderstehende Pfähle, die zwei Tafeln trugen. Auf der einen stand: „Gouvernement Tobolsk“, auf der andern: „Gouvernement Perm“. Wir stießen einen lauten Ruf aus, der in der Stille des Waldes widerhallte:
„Adieu, Sibirien!“
Hier betraten wir das europäische Rußland.
Noch nicht Europa. Europa beginnt erst am Ural. Wir überschritten nur eine verwaltungsrechtliche Grenze; aber Sibirien, das eigentliche Sibirien, lag schon weit zurück; es hatte mit der Steppe geendet.
Eine Zeitlang kehrte die Erinnerung auf die zurückgelegte Wegstrecke zurück. Wir schwiegen und blickten zerstreut vor uns hin. Wir sahen im Geiste Transbaikalien wieder, wir sahen die grünen Steppen mit ihren Rinderherden und Burjaten wieder, die düstere Taiga, die breiten sibirischen Ströme, die in ihrem Schlamm den Goldstaub mit sich führen, die unendliche Reihe aus rohen Stämmen gezimmerter Dörfer, die malerischen Städte, die zahllosen weißen Kirchen mit den blauen und grünen Kuppeln und die Steppe, die ohne Ende schien! Wir liebten Sibirien seiner einstürzenden Brücken, seines klebrigen Morastes, seiner Sümpfe, seiner Sandflächen wegen. Und wir erinnerten uns freudig aller derer, denen wir da draußen begegnet waren, und fühlten, daß Sibirien uns mit Tausenden von Herzen auf unserer Fahrt begleitete. Lebe wohl, Sibirien!
Noch 30 Kilometer rollten wir im Walde dahin. Dann wurde das Dickicht lichter, es begannen Waldblößen, dann folgten Wiesen und Felder.
Die Dörfer wurden häufiger; sie waren groß, bevölkert und hatten schmuckere Häuser; die Muschiks trugen fast alle die rote Bluse, die Tolstoi so liebt. Aber wir fanden an den Muschiks nicht mehr die sibirische Gutherzigkeit. Man empfing uns mit feindseliger Verwunderung, als ob wir irgendein unbekannter Feind seien. Etliche Männer ergriffen die Flucht, andere beobachteten uns von der Seite, bereit zur Abwehr. Frauen gebrauchten ein seltsames Zeichen der Beschwörung, indem sie vor uns ausspuckten! Dies allein würde genügt haben, uns zu zeigen, daß wir zu Menschen anderer Rasse, mindestens anderer Gesinnung gekommen waren.
Das Gelände wurde immer mannigfaltiger. Wir konnten die rasche Fahrt nicht fortsetzen; die Straße war außerhalb des Waldes nach wie vor schlecht, von kleinen Gräben durchschnitten, voller Löcher, überbrückt von unsicheren Holzstegen. Als wir uns einer Stadt näherten, gewahrten wir im Schatten eines Kiefernwaldes Leute, die uns grüßten und uns, während wir vorbeifuhren, Glückwünsche zuriefen. Ein junger Mann auf einem Zweirad fuhr vor uns her und machte uns ein Zeichen, ihm zu folgen. Wir erreichten und durchfuhren Kamyschlow; jenseits verabschiedete er sich von uns, nachdem er uns den richtigen Weg nach Jekaterinburg gezeigt hatte. Ohne ihn hätten wir vermutlich die Straße nach Irbit eingeschlagen.