Das Wetter war schlecht geworden. Fortwährend wechselte ein Regenschauer mit einer Stunde Sonnenschein. Das Automobil wirbelte in der ruhigen Luft dichte Staubwolken auf und ließ sie hinter sich, so daß sie kilometerweit auf der Straße liegenblieben. Wir sahen die Staubwolken vom Gipfel der Hügelkette aus unbeweglich über der Landschaft lagern wie den Rauch einer Feuersbrunst.

Gegen 3 Uhr kamen wir von neuem in wildromantische Gegenden. Es vergingen viele Stunden, ohne daß wir ein Dorf zu Gesicht bekamen. Dann schlossen sich über uns die jahrhundertealten, prächtigen, für den Ural charakteristischen Kiefernbestände. Die Straße schien in ein Tal voller majestätischer Stämme eingeschnitten. Aber der Wald hatte Blößen, auf denen sich herrschaftliche Villen erhoben. Von den Veranden herab grüßten uns elegante Damen. Das primitive Aussehen des Landstrichs täuschte; wir waren in der Nähe einer großen, reichen Stadt. Jekaterinburg kündigte sich an, die Hauptbergwerksstadt des Uralgebietes, der große Gold- und Kohlenmarkt.

Es war 7 Uhr, als wir auf dem Gipfel eines Hügels eine Menschenmenge sahen, die uns zuwinkte. Um uns erscholl ein langgedehntes Hurra. Auch Jekaterinburg hatte uns seinen Gruß gesandt. Begleitet von Zweirädern und Wagen, zogen wir in die elegante Stadt ein, während sich ein wahrer Wolkenbruch entlud. Aufs herzlichste empfangen, verbrachten wir hier die letzten Stunden in Asien, die in dem 6000 Kilometer entfernten Peking begonnen hatten!


Die geographische Grenze Europas überschritten wir am Morgen des 20. Juli, 5 Uhr 17 Minuten.

Nahe der Straße erhebt sich auf einer kleinen Waldblöße auf dem Sattel einer der höchsten Höhen des Ural ein Marmorobelisk. Auf seiner Ostseite ist das Wort „Asia“, auf der Westseite das Wort „Europa“ eingehauen!

Mit Ungeduld erwarteten wir diesen Paß. Oft hatten wir von dem Augenblick gesprochen, in welchem wir von einem Erdteil in den andern übergehen würden, von jenem flüchtigen, aber doch unvergeßlichen ernsten Augenblick, in welchem wir unsere Fahrt auf asiatischem Boden beendigt haben würden. Nun hatten wir die Durchquerung Asiens von seinen äußersten Grenzen am Stillen Ozean an vollendet. In vierzig Tagen hatten wir den ganzen unermeßlichen, uralten Kontinent durchfahren. Schritt für Schritt hatten wir eine der größten Verkehrsadern der Menschheit kennen gelernt, diejenige vielleicht, die seit undenklichen Zeiten das stärkste Hinundherfluten von Rassen und Zivilisationen gesehen hat. Sie hat die tatarische Flut gen Westen und die slawische Flut in den Osten getragen, eine Heerstraße der Eroberungen und der Ideen, der Religionen und Schätze, der Sagen und Handelswerte, der Heere und des Goldes. Wir haben um uns den geheimnisvollen Zauber Asiens weben gefühlt, vor allem dort in der Mongolei, in den weiten Ebenen des Schweigens, inmitten eines träumerischen, in den Gedanken unendlicher Wiedergeburten versenkten Volkes, welches das gegenwärtige Leben als eine wertlose Episode ansieht, gleich der Bewegung einer Welle im Ozean, die da lebt, um zu sterben. Wir dachten, ob nicht in der Luft, im Wasser jenes Zentrums von Asien ein geheimnisvolles Element herrsche, das Millionen von Menschen von der Welt losreißt.

Die größten Religionen sind in Asien geboren. Wie Funken sind sie jenem von Idealen glühenden Lande entsprungen, ihr Feuer weithin zu tragen.

Der Begriff der Seele, wohl der edelste, den der Mensch je besessen hat und der das Bewußtsein, die Tugend und die Herzensgüte geschaffen hat, ist in Asien entstanden. Unsere skeptische materialistische Lebensanschauung stößt bei ihrem Zurückfluten nach Asien zusammen mit der großen Nichtachtung aller irdischen Dinge. Nicht Feindseligkeit tritt ihr gegenüber, sie begegnet mehr: der Gleichgültigkeit. Auch die Gleichgültigkeit des Muschiks, dessen heitere Zufriedenheit, das einzige Hindernis für einen raschen Aufschwung der slawischen Rasse, sie ist nur ein asiatisches Erbteil. Beim Erwachen Sibiriens sind die Fremden die Träger des größeren Unternehmungsgeistes und der größeren Energie, sie sind es, die auf die beschauliche träumerische Seele des blonden Volkes einen fieberhaften Tätigkeitsdrang übertragen. Überall haben wir Asien verspürt: in der Verödung der Straßen, in der Gleichgültigkeit und Resignation des Volkes in allen Lebenslagen, selbst in der Gastfreundschaft, mit der wir dort aufgenommen wurden und die uns nicht wieder freigeben wollte, weil man weder den Wert der Zeit begriff, noch unsere Eile, ja nicht einmal den Zweck unserer so langen und so nutzlosen Fahrt!