Für uns hatte die Durchquerung Asiens nicht nur die Bedeutung einer Folge von Landschaftsbildern. Wir standen in inniger und dauernder Berührung mit jenem gewaltigen Erdteil und seinen Völkern. Indem wir von den Chinesen zu den Mongolen, von den Burjaten zu den Slawen, zu den Kirgisen kamen, indem wir vom Konfuzianismus und chinesischen Buddhismus übergingen zum Lamaismus, zum fetischistischen Christentum Transbaikaliens, zur Orthodoxie Westsibiriens und zum Islam, haben wir gleichzeitig Mischungen der Rasse und des Bewußtseins kennen gelernt, Verwandtschaften des Blutes und der Charaktere, Ähnlichkeiten der Sprachen und der Anschauungen. Und ohne die Vorgänge zu verstehen, haben wir langsame Bewegungen der Stämme beobachtet, ein unberechenbares Kommen und Gehen von Auswanderern, inmitten der anscheinenden Bewegungslosigkeit ein Abfluten von Völkern aus ihrer Heimat im Herzen von Asien und ihre Rückkehr dorthin in veränderter Gestalt. Wir haben einen Begriff von einer Bewegung bekommen, die jenseits der Grenzen der geschichtlichen Erinnerung liegt. Asien, das schweigende, das schlafende Asien, das alte Asien, das ein toter Begriff schien, hatte sich statt dessen erfüllt gezeigt von einem Betätigungstrieb, der zu mächtig war, um ganz verstanden zu werden. Diese große Völkermutter, der auch unsere eigene Rasse entstammt, hatte sich uns als noch jugendlich enthüllt, ihre neue Fruchtbarkeit im Schweigen verbergend. Deshalb gedachten wir mit einer Art Ehrfurcht des Augenblicks, in welchem wir die Grenze Asiens überschreiten würden!
Da dieser Übergang für uns eine Heimkehr war, so hatten wir beschlossen, zu halten und auf der poetischen Schwelle unseres Erdteils miteinander anzustoßen. Im Werkzeugkasten lag in lobenswerter Voraussicht, deren ich mich rühme, zu diesem Zwecke eine Flasche guten Champagners. Als wir aber ankamen, schwiegen wir, und in schweigendem Übereinkommen setzten wir unsere Fahrt fort, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, nicht frei von einer gewissen Rührung. Die geplante Feier erschien uns jetzt kleinlich; zu halten und an diesem Orte Champagner zu trinken war eine Entweihung. Nichts durfte die Feierlichkeit unserer Stimmung stören.
Das Automobil rollte rasch über die sanften Abhänge jener niedrigen, weichen Hügel hin, die sich den Namen eines Gebirges anmaßen. Der Ural erscheint nur den Steppenbewohnern hoch und großartig; er ist ein Gebirge, weil er sich zwischen dem sibirischen und dem russischen Tieflande erhebt. Wir, die wir an die großartigen Linien der Apenninen und Alpen gewöhnt waren, hatten den Ural erreicht, ohne ihn zu bemerken. Als wir am Tage zuvor in Jekaterinburg anlangten, glaubten wir, seine Gipfel seien von dem drohenden Unwetter verhüllt. Und als wir dann am frühen Morgen zwischen waldigen Bodenanschwellungen entlang fuhren, glaubten wir auf die ersten Ausläufer des Urals zu stoßen. Statt dessen passierten wir die höchsten Gipfel dieses Gebirgssystems.
Die sehr breite und ziemlich gute Straße lief auf lange Strecken in schnurgerader Richtung weiter, eine breite weiße, sich ins Unendliche fortsetzende Furche in den dichten Wäldern, in die kein Strahl der Sonne dringt. Die ungeheueren Kiefern schienen Träger der Nacht zu sein. An einer Stelle sprang ein Damhirsch hervor; er blieb einige Sekunden lang auf dem Wege stehen, erstaunt über das blitzschnelle Automobil; den schlanken braunen Körper zum Sprunge bereit, wandte er sich uns mit der feinen Nase und dem geschmeidigen Halse in furchtsamer Haltung zu, sprang zurück und verschwand zwischen den Gebüschen, die sich an dem Fuße der großen Stämme unentwirrbar hinziehen. Oft sahen wir Bäume vom Blitze getroffen oder vom Orkan niedergeworfen an der Erde liegen; mancher von diesen zu Boden geschmetterten Riesen versperrte die Seiten der Straße.
Durch diese an die Urzeit erinnernde Landschaft fuhren wir zwei Stunden lang. Wir hätten nie geglaubt, uns in einer der gewerbfleißigsten Gegenden des Russischen Reiches zu befinden, wenn wir nicht im Grunde jedes Tales über die dunkle Masse der Bäume hinweg rauchende Schornsteine von Fabriken, von Bergwerken, von Gießereien bemerkt hätten. Der Reichtum dieser Gegenden liegt nicht auf der Erde, er ist unter ihr verborgen. Wenn ein Bergwerk eröffnet wird, so wird eine Straße zur Weiterbeförderung der Erzeugnisse gebaut, das ist alles; das Land kann wüst liegenbleiben. Wir mußten unsere Fahrt oft verlangsamen, um lange Karawanen von Hunderten mit Eisen, Kohle oder Holz beladener Telegas vorüberzulassen, die nach Jekaterinburg fuhren, von wo eine kurze Eisenbahnlinie diese Erzeugnisse des Urals weiter nach Tscheljabinsk auf die große Verkehrsstrecke bringt. Jetzt ist eine direkte Linie von Jekaterinburg nach Kasan im Bau begriffen, und wir stießen an diesem Morgen mehrmals auf Eisenbahnarbeiten, die unsere Straße durchschnitten und uns nötigten, auf Erddämmen weiterzufahren und wacklige Stege und provisorische Brücken zu überschreiten. Die Wagenführer im Ural riefen uns Schimpfworte zu. Wir fühlten uns dadurch aber nicht beleidigt: wir erblickten darin nur einen Beweis, daß wir nach Europa gekommen waren! Die Landschaft konnte beinahe noch für asiatisch gelten; etwas aber hatte sich verändert: die Geduld und die heitere Freundlichkeit der Bewohner waren auf der andern Seite des Urals zurückgeblieben.
Gegen 10 Uhr befanden wir uns von neuem auf der Ebene. Es regnete. Wir hatten Jekaterinburg mit der Aussicht auf gutes Wetter verlassen; jetzt drohte eine Sintflut. Die Straße wurde wieder schlecht, morastig, unwegsam. Schmutz bespritzte uns unablässig, so daß wir darauf verzichten mußten, ein Stück Schokolade zu unserer Stärkung zu essen; wir hätten dieses bescheidene Frühstück nicht hervorziehen können, ohne daß es mit Straßenkot bedeckt worden wäre. Wir mußten heute Perm, den Sitz des Gouverneurs, erreichen, das 394 Kilometer von Jekaterinburg entfernt liegt. Um 4 Uhr nachmittags hatten wir aber erst 293 Kilometer zurückgelegt!
Später hörte es auf zu regnen. Unüberwindliche Schläfrigkeit lastete bleischwer auf unseren Augenlidern, als ein ganz eigenartiger Anblick uns wieder munter machte. Große und kleine vergoldete, versilberte, emaillierte Kuppeln, Türme von jeder Form erhoben sich über der kleinen Stadt Kungur. Sie bietet bei all dem Funkeln edler Metalle das Aussehen einer Märchenstadt. Es muß ein großes heiliges Glaubenszentrum sein, weil es mehr Kirchen als Häuser zu besitzen scheint. Auf den Straßen sind Heiligenbilder, Tabernakel, Votivkapellen in überreicher Fülle vertreten. Die Muschiks entblößen beim Vorübergehen das Haupt und beugen das Knie.
Nach einigen Stunden erlebten wir eine andere Überraschung, das erste tatarische Minarett in dem 30 Kilometer von Perm entfernten Kojonowa. Aber es war eine Übergangsform, beinahe in der Gestalt eines Turmes mit einem Halbmond anstatt des Kreuzes, kurz, eine Art russifizierter Moschee. Tatarische Männer liefen fröhlich herbei, und hinter den Scheiben der kleinen Fenster erblickten wir die braunen Gesichter ihrer Frauen, die wie Zigeunerinnen mit Münzen geschmückt waren.
Nicht weit von Perm zieht sich die Straße zwischen Tannenwäldern dahin. Als wir den Motor anstrengten, um über die Sandmassen, in denen die Räder versanken, hinwegzukommen, machten wir eine furchtbare Entdeckung. Das linke Laufrad drohte zu brechen.
Ich habe schon erwähnt, daß die Kette, die wir um die Pneumatik jenes Rades gelegt hatten, um das Gleiten in dem Morast der Straße zwischen Kansk und Krasnojarsk zu verhüten, die Stellen beschädigt hatte, an denen die Speichen in dem Radkranze befestigt sind. Es war augenscheinlich, daß beim Ersteigen der Anhöhen der von der Kette umwundene Radkranz einen zu starken Druck ausgeübt und die Verbindungen um Haaresbreite gelockert hatte. Die Löcher, in die die Enden der Speichen eingelassen sind, hatten sich um Bruchteile eines Millimeters verbreitert. Wir konnten kaum einen leichten Riß um jede Speiche entdecken, der aber verschwand, wenn das Holz infolge des Regens aufquoll. Bei Sonnenschein aber begann das Rad zu knarren, weshalb Ettore, sobald er Wasser in den Kühlapparat goß, einen Eimer voll auch über das beschädigte Rad schüttete. Das Mittel war wirksam.