In Paris hatte die Verpflichtung, 2000 Franken einzuzahlen, die Schar der Teilnehmer erheblich gelichtet. Mehrere Unterschriften waren nur dem berechtigten Wunsche zu verdanken gewesen, den Namen des Teilnehmers in den Zeitungen gedruckt zu sehen. Sich bei einer Wettfahrt Peking–Paris Mitbewerber zu nennen und nennen zu lassen, war eine genügende Reklame; mehr zu tun, wäre des Guten zuviel gewesen. Die Übrigbleibenden, die Treuen fühlten sich entmutigt. Bei den langen Diskussionen stellten sich neue Schwierigkeiten heraus, tauchten neue Probleme auf. Man braucht in der Tat ein Projekt nur zu diskutieren, um es schließlich absurd zu finden; das Wesen der Diskussion besteht in den Einwänden. Die Begeisterung stärkt sich am Handeln, verschwindet aber beim Reden. Das Wort ist zu vernünftig, es sieht alle Hindernisse, alle Widerwärtigkeiten voraus, es ist pessimistisch. Würde jeder Held gezwungen, die tapfere Tat, die er sich zu vollführen anschickt, auch nur eine Minute lang zu diskutieren, so gäbe es kein Heldentum mehr ... Bei außergewöhnlichen Unternehmungen muß man die Lösung zahlreicher Probleme dem Augenblick überlassen: es gibt stets Unbekanntes, dem man gegenübertreten muß; man muß sich in das Abenteuer mit einer gewissen Dosis Unvernunft stürzen. Diese Unvernunft nennt sich Kühnheit. Die Kühnheit befindet sich mit dem gesunden Menschenverstande, der Logik, in allzu starkem Widerspruch, als daß sie einer eingehenden kritischen Prüfung standhalten könnte. Und hierin liegt vielleicht der Grund, warum die Teilnehmer an der Fahrt in Paris schließlich zu dem Entschlusse gelangten, nichts mehr von der ganzen Sache wissen zu wollen, das Projekt im Stadium des Projekts zu lassen und auf seine Ausführung zu verzichten. Das dem Fürsten zugegangene Telegramm teilte ihm den gefaßten Entschluß mit. Die Wettfahrt Peking–Paris war tot!

Übergang über einen sandigen Abhang.

Er antwortete: „Ich schiffe mich morgen in Neapel ein.“ Seine Entschließung gab den andern den Mut zurück. Eine berechtigte Eigenliebe bewog sie, es dem italienischen Fürsten nicht allein zu überlassen, ein Unternehmen zu versuchen, das von französischer Genialität ersonnen und vorgeschlagen worden war. Und so begaben sich am 14. April die übrigen Mitbewerber in Marseille an Bord eines Dampfers der „Messageries Maritimes“, der nach Schanghai bestimmt war.

Es waren tüchtige, in ihrem Berufe als Chauffeur geschickte Männer, die von den konkurrierenden Firmen unter den Hunderten von Mechanikern und Chauffeuren, die sich an der Wettfahrt zu beteiligen wünschten, ausgewählt worden waren. Cormier, der Führer des einen „de Dion-Bouton“, hatte mit einem Wagen von wenig Pferdekräften Spanien und Ungarn durchreist und war von der Überlegenheit der kleinen Automobile auf einer langen Fahrt überzeugt. „Acht Pferdekräfte“, hatte er erklärt, „nur acht Pferdekräfte genügen mir“, und er hatte zehn. Colignon, der Führer des zweiten „de Dion-Bouton“, hatte sich ebenfalls auf schwierigen Dauerfahrten bewährt. Ein interessanter Typus eines kühnen Mannes war Pons, der Führer des Dreirads „Contal“, der sich seiner schwierigen Aufgabe mit voller Hingebung widmete. Er würde nur vor der absoluten Unmöglichkeit zurückweichen. Er war ein entschlossener, tapferer Mann, gewissenhaft, opferbereit. Wenn man ihn sah, wenn man ihn kennen lernte, so begriff man, daß er sein Blut hingegeben haben würde, wenn es zur Überwindung einer Schwierigkeit erforderlich gewesen wäre, Blut anstatt Benzin zu verwenden. Die kleine französische Gruppe wurde durch die unveränderlich gute Laune Bizacs erheitert, des Mechanikers der „de Dion-Bouton“, eines früheren Mechanikers der Kriegsmarine, dem von dem Leben an Bord mitten unter den riesigen Maschinen ein instinktives Gefühl für Disziplin und Pünktlichkeit, eine Unempfindlichkeit für Strapazen und Klimaunterschiede geblieben waren. Er war die lebendige Uhr der Reisegefährten, für die er vom Morgengrauen bis zum späten Abend funktionierte, unerbittlich wie die Zeit, unempfindlich für die Beleidigungen, die unfehlbar dem Munde desjenigen entströmten, den er mit rauher Hand der Wohltat des Schlafes entriß. Bei der Expedition befanden sich auch zwei Journalisten: der Franzose Du Taillis und der Italiener Longoni.

Du Taillis hatte ich auf der Konferenz von Algeciras kennen gelernt, wo er den „Figaro“ vertrat. In der Langenweile jener end- und zwecklosen Zusammenkunft von Diplomaten bedeutete das Zusammentreffen mit Du Taillis für mich jedesmal eine heitere Viertelstunde. Stets hatte er Anekdoten über alle und über alles in Bereitschaft, und er erzählte sie mit unwiderstehlichem Humor. Er war eine ewigsprudelnde Quelle von kleinen Notizen, von politischem Allerlei, von diplomatischen Episoden, die er mit liebenswürdigem Skeptizismus erzählte. Sein Wort und seine Feder waren immer interessant, sogar die Berichte über die Sitzungen in jenem berühmten „roten Saale“, und er griff alles auf, was es an Lustigem, an Komischem und Lächerlichem bei jenen langwierigen und inhaltsleeren internationalen Beratungen gab. Eines Tages verließ ich die Konferenz, um nach Fez zu gehen, und mit der Konferenz verließ ich auch Du Taillis. Und nun sahen wir uns in China wieder.

Die „bessere“ Straße in der Nähe von Hsin-wa-fu.

Hinter der goldenen Brille betrachtete mich aufmerksam sein lächelndes Gesicht, das durch ein kokettes blondes Bärtchen breiter erschien. Wir standen in der Vorhalle eines Gasthofes, mitten in dem Hinundher von chinesischen Boys, von Kuriositätenhändlern, von Fremden, die frühstücken wollten. Mein Kollege war etwas verändert: im oberen Teil seiner Erscheinung durch einen mächtigen Tropenhut, im unteren Teile durch ein Paar prächtiger Ledergamaschen. Aber im übrigen war er der alte und ließ mir keinen Zweifel an seiner Persönlichkeit. Wir eilten aufeinander zu und begrüßten uns herzlich. Wir erzählten uns den Anlaß unserer Anwesenheit auf dem geheiligten Boden des Himmlischen Reiches und unterhielten uns lachend über den Wai-wu-pu.