Longoni, ein sympathischer junger Mann, befand sich bei der Expedition mehr aus Liebe zum Sport als im Dienste der Journalistik. Er sollte die Fahrt auf einem der „de Dion-Bouton“ antreten.


Inzwischen nahte der Tag der Abfahrt.

Die Europäer von Tientsin und Peking sprachen jetzt von nichts anderem. Doch ließ sich nicht leugnen, daß noch viele im Publikum ungläubig blieben. Es gab zwei Klassen von Ungläubigen: die absoluten, die nicht einmal an die Abfahrt glaubten, und die relativen, die an eine sofortige Rückkehr nach Peking nach einem vergeblichen Versuche, das Gebirge von Nankou zu überschreiten, glaubten. Ohne Zweifel bot die Überschreitung des Gebirges solche Schwierigkeiten, daß selbst der Fürst, wie er sagte, nicht sicher war, sie zu überwinden.

Die Möglichkeit, die ganze Straße nach Kalgan mit dem Motor zu befahren, war ausgeschlossen. Vor allem, weil keine Straße existierte. Die Karawanen von Kamelen, Maultieren, die Wagen, die Sänften, die sich seit Jahrtausenden von Peking nach Kalgan und von Kalgan nach Peking begaben, hatten nichts anderes geleistet, als daß sie schmale Fußpfade ausgearbeitet und die am wenigsten ungangbaren Pässe ausfindig gemacht haben. Von Zeit zu Zeit waren sie von ihrer Reiseroute abgewichen, je nachdem ein Bergsturz einen früher gangbaren Weg verschüttet oder eine Überschwemmung im Unterlande die schmalen Wege in der Ebene überflutet hatte. Die Automobile mußten also von Maultieren und Menschen gezogen werden. Sich ausschließlich der Tiere zum Ziehen zu bedienen, war gefährlich, weil sie eine zu schnelle Gangart einschlugen; man kann von einem Maultiere nicht eine überlegte Anstrengung verlangen, nicht fordern, daß es jetzt vorsichtig und dann wieder mit Aufbietung aller Kräfte vorgeht. Hier mußten Menschen regelnd eingreifen. Aber konnten die Automobile, selbst wenn sie geschleppt wurden, überhaupt hinüberkommen? An vielen Punkten hatte der Bambusstab des Fürsten kaum die genügende Breite ergeben, und an andern würde ein kleines Versehen in der Steuerung genügen, einen Rad- oder Achsenbruch herbeizuführen.

Im Gebirge.

Es gibt in Peking eine uralte Verkehrseinrichtung, eine Art Privatpost, deren man sich bedient, um Gegenstände nach einem beliebigen Teile des Reiches zu befördern. Sie erfreut sich kaiserlicher Privilegien, besitzt Wagen, Pferde und hat Kulis und Karawanenführer in ihrem Solde. Der Fürst fragte bei ihr an, ob sie die Aufgabe übernehmen wolle, das Automobil nach Kalgan zu schaffen. Der Direktor des Unternehmens, ein langer Chinese, hager wie ein Pfahl, stellte sich in der italienischen Gesandtschaft ein, um den Ki-tscho in Augenschein zu nehmen. Ihm folgte eine Schar von Kulis, bewaffnet mit Achsen, mit Stangen, mit jenem ganzen kolossalen Apparate, dessen sich die Chinesen zum Transport ihrer schweren Sarkophage bedienen. Auf einen Wink des langen Chinesen stürzten sich diese Leute auf das Automobil, zum großen Verdruß Ettores, setzten ihren Leichenapparat in Tätigkeit und hoben den Wagen auf, um das Gewicht zu prüfen. Allein sie konnten keine zwei Schritte tun ohne zu schwanken, denn das Fahrzeug machte Miene, wieder auf die Erde zu kommen und riß einige der Leute mit zu Boden. Der Hagere erklärte, der Ki-tscho sei schwerer als ein Berg; es würde unmöglich sein, ihn hochzuheben; wenn aber der edle und verehrungswürdige Herr Po (Borghese) ihn um einige tausend Pfund leichter machen könne, so wäre es möglich, ihn mit Hilfe von 35 Mann und vier Maultieren fortzuschaffen.

Der edle und verehrungswürdige Herr Po willfahrte ihm. Das Automobil wurde um etwa 500 Kilo leichter gemacht, indem die Karosserie abgenommen und durch eine bescheidene Sitzgelegenheit ersetzt wurde, die sinnreich aus einer Packkiste hergestellt worden war. Auf den Tritten wurden die Werkzeugkasten untergebracht. An den Schutzwänden wurden die Spitzhacken und Spaten befestigt. Feste Stricke, dicke und dünne, fanden eine passende Unterkunft in der Sitzkiste, auf die eine Seegrasmatratze gelegt wurde, um sie ihrer neuen Bestimmung besser anzupassen. Das Automobil erschien gänzlich verändert. Seltsam, einfach und schlank, machte es in der Tat den Eindruck von Ungestüm und Entschlossenheit. Jede Spur von Luxus, von Bequemlichkeit war verschwunden, es hatte den letzten Anschein eines Dinges verloren, das zum Vergnügen gebaut worden war; es schien zum Angriff geboren, geplant, um gegen irgendeinen Feind mit dem ganzen Ungestüm seiner unsichtbaren Kräfte losgelassen zu werden. Seines Überflusses beraubt, hatte es eine neue Schönheit gewonnen: die Schönheit des Nackten. Auch die Spitzhacken, die Spaten, die Stricke verliehen ihm ein undefinierbares Etwas von Kühnheit. Es war in der Tat ein Pionierfahrzeug. Man begriff, daß es dazu bestimmt war, auf Wegen zu fahren, auf denen noch nie ein anderes gefahren war. Wir bewunderten es noch mehr, ohne zu wissen warum, und wiederholten immer und immer wieder: „Wie schön ist es doch!“