Der allzu starke Druck der Bremse hatte den Bruch des Bügels zur Folge gehabt, der die Federn mit der Radspindel verbindet, und die Achse der Laufräder hatte sich vollständig von den Federn, also vom Chassis, losgerissen. Wir hatten Ersatzbügel da, aber sie waren zu kurz. Zum Glück fand Ettore, als er unter seinem Handwerkszeug herumwühlte, Spindeln und Schrauben, mit deren Hilfe es ihm nach langem, geduldigem Arbeiten gelang, Federn und Achse wieder zusammenzubringen und festzuschrauben. Aber es stellte sich ein noch schwererer Schaden heraus. Die hinteren Federn waren gebrochen! Von den neun Blättern, aus denen jede bestand, waren links drei geborsten, rechts fünf. Unsere Hoffnung beruhte jetzt nur noch auf der Widerstandskraft des längsten und größten Blattes, das an den äußersten Enden die Zapfen trägt, mittels deren es befestigt ist, und das aus dem feinsten Stahle, den es gibt, angefertigt ist. Unsere Hoffnung stand aber auf sehr schwachen Füßen. Wir sahen, daß eine einzige starke Erschütterung alles vernichten würde.
Es dunkelte, und die Arbeit im Walde dauerte immer noch fort. Ein trauriger Abend für uns. Wenn der Motor, die Transmissionen, das Kugelgelenk, die Kardanwelle, die Verbindungen des Chassis, der ganze maschinelle Teil gesund, gut imstande, neu, stark und zuverlässig ist, wer denkt da an das übrige? Wenn das Herz, der Magen und alle vitalen Organe eines Menschen kräftig sind und gut funktionieren, wer denkt da an die Füße? Und doch waren es gerade die Füße unseres Automobils, die kränkelten: ein verhängnisvolles Leiden, wenn man noch einen weiten Weg vor sich hat.
Nachdem die Reparatur beendet war, machten wir uns wieder auf den Weg, ganz langsam und mit der peinlichsten Vorsicht, und gelangten eine Stunde später an die Poststation Melekeski. Wir kochten uns Eier, tranken Milch und streckten uns zum Schlafen auf der Erde aus.
Die Station war wenig mehr als eine Isba.
Am Morgen nahmen wir ein Glas Tee zu uns und fuhren ab. Es war 4 Uhr, und es regnete.
Allmählich gelangten wir in eine anmutigere und schönere Gegend. Die Landschaft hatte sich geändert, leider aber nicht die Straße. Wir fuhren durch Malmysch, das wir an dem Tage, an dem wir Perm verließen, zu erreichen gehofft hatten, ein Städtchen an dem Flusse Wjatka, das auf uns den Eindruck machte, als sei es nur von einem Dutzend Beamten, einem Apotheker und zwei Gendarmen bewohnt. Das Leben in Malmysch muß nicht besonders anregend sein.
Die Straße wurde schlechter oder schien uns schlechter zu werden, weil wir gegen die Unebenheiten des Geländes empfindlicher geworden waren. Dafür wurden wir durch den Anblick der prächtigen Landschaft entschädigt. Überall erhoben sich im Grünen Dörfer, tatarische und christliche, schlanke Minaretts und Kirchtürme, Halbmonde und Kreuze, bunt durcheinandergemischt im tiefen Frieden der Felder. Nichts erinnerte an alte Kämpfe. Die Bewohner schienen wie zu einem großartigen Feste gekleidet. Es war Heuernte.
Überraschend war die Verschiedenheit der Trachten, die mit jedem Schritte wechselten. Man fühlt es, daß unter den beiden Namen „Russen“ und „Tataren“ sich noch andere Volksstämme verbergen, die sich vereinigt, aber nicht vermischt haben. Religionen sind es zwei, der Rassen sehr viele. Diese wollen sich jetzt noch voneinander unterscheiden, wollen sich in ihrem Volkstume behaupten, sie wollen am Leben bleiben. Unbequeme und auffallende Trachten können nicht Jahrhunderte hindurch getragen werden, ohne daß die Träger den Zweck damit verfolgen, ihre Eigenart zur Geltung zu bringen und zu bewahren. Jedes Dorf ist ein kleiner Staat für sich, der ein friedliches Sonderdasein führt und so verschieden von den anderen ist, als sei er durch weite Entfernungen von ihnen getrennt.
Gegen 3 Uhr, als wir in das Tal des Flusses Kasanka hinabfuhren, sahen wir im Westen einen Wasserstreifen schimmern: die Wolga. In leuchtendem Nebel hoben sich die Umrisse einer großen Stadt ab. Endlich hatten wir Kasan erreicht mit den Türmen und Kuppeln seiner Kirchen und den Minaretts seiner dreizehn Moscheen!