Auf Barken setzten wir über den kleinen Fluß Uchim, dann über einen breiteren, den Wala. Leider bewirken die zahlreichen, leicht zu befahrenden Wasserstraßen, daß die Landwege vernachlässigt werden, die wir in sehr schlechtem Zustande fanden, so daß wir nur langsam vorwärtskamen und das Automobil allen jenen schrecklichen Proben unterziehen mußten, die uns zwischen Mariinsk und Tomsk zur Verzweiflung gebracht hatten. Wir fürchteten, die Federn würden nicht länger halten. Wir merkten, daß sie gegen die Stöße weit empfindlicher wurden, und wir hatten keinen Ersatz für sie. In der sicheren Überzeugung, ihrer nicht zu bedürfen, hatten wir die Ersatzfedern in Kalgan zurückgelassen, weil sie zu schwer waren, und vielleicht liegen sie jetzt noch in den Bureaus der Russisch-Chinesischen Bank, zum Andenken an unsere Fahrt.
Um einen Begriff von den Straßen zu erhalten, stelle man sich vor, man fahre im Automobil über einen frischgepflügten Acker mit der Aussicht, Hunderte von Kilometern unter denselben Bedingungen zurücklegen zu müssen.
Natürlich regnete es von Zeit zu Zeit. Wir fuhren durch wenig bevölkerte, stille Städtchen, die mit ihren weiß angestrichenen Holzhäusern — zum Unterschiede von den die Naturfarbe des Holzes zeigenden Bauernhäusern — einen unendlich traurigen Eindruck machten. Wir wurden in melancholische Stimmung versetzt, wenn wir an ihr einförmiges, graues, stilles Leben dachten; sie glichen Städten in der Verbannung. Sie tauchten in einem Tale auf, hinter einem Gehölz, am Ufer eines Baches, abgeschlossen in der Eintönigkeit einer unbebauten Gegend mit dunkeln Tannen- und Kiefernwäldern von düsterem Grün. Einige von ihnen haben Namen, die nicht russisch sind, tatarische und bulgarische Namen.
Manche Namen bewahren die Erinnerung an jenes seltsame bulgarische Volk, das einst hier ein Reich besaß, von dessen Hauptstadt noch jetzt prächtige Trümmer an den Ufern der Wolga zu sehen sind. Sie war so in Vergessenheit geraten, daß sie vollständig verschwand. Wälder hatten sie überwuchert; sie lebte nur noch in der Überlieferung, als unter Peter dem Großen ihre majestätischen Trümmer mitten in einem dichten Walde wieder entdeckt wurden.
Die Bulgaren liebten die großen Ströme; sie teilten die Wolga und die Donau unter sich: „weiße Bulgaren“ die der Wolga, „schwarze Bulgaren“ die der Donau; aber sie wurden aufgesaugt, die einen von den Tataren, die andern von den Slawen. So sind nur noch Namen übriggeblieben: Bolgary an der Wolga, Bulgarien an der Donau; das Volk aber existiert nicht mehr.
Am Nachmittag häuften sich die Schwierigkeiten. Die durch endlose Wälder führende Straße war so schlecht geworden, daß wir mit der Geschwindigkeit von nur 15 und häufig gar nur von 10 Kilometern fahren mußten. Die Karosserie knarrte, sie flog bei jedem Stoße in die Höhe, als wollte sie in Stücke gehen. Die Fußbremse, jene vermaledeite Bremse, die in Sibirien dreimal Feuer gefangen hatte, brannte zwar nicht mehr, aber sie funktionierte auch nicht mehr. Sie war vollständig verdorben, und wir waren einzig auf die Handbremse angewiesen, die auf die Laufräder wirkt. Während wir einen steilen Abhang hinunterfuhren, wobei diese einzige Bremse angezogen war, fühlten wir einen heftigen Ruck im Automobil und hörten im vorderen Teile ein metallisches Klirren. Die Maschine stand quer über dem Wege still.
Wir sprangen ab.
„Was soll jetzt werden?“ riefen wir angstvoll aus, als wir hörten, welcher Schaden angerichtet war.
Russischer Muschik.